Teil eines Werkes 
1. Band (1855)
Entstehung
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daß ich voll Freude bin, iſt ja meine väterliche Schul digkeit, damit es Gott nicht verdrießt, der es ſo gemacht hat.

Von dem Tage der Verkündigung an bis zu dem der Hochzeit war ein groß Gerede, wie ſie ſich nun überheben werde, wie ſie hochmüthig fahren, und wie ſie übermüthig thun werde. Anna aber war nicht ſo: ſie konnte vor Scham kein Auge aufſchlagen. Die ganze Gaſſe der grü⸗ nen Fichtau ſtand gedrängt voll Menſchen, da die Stunde gekommen, wo er ſie zum Wagen führte, um in die Kirche zu fahren. Ihre Wangen, da ſie an den Leuten vorbeiging, waren ſo purpurroth, daß man meinte, ſie müßten ſie brennen; die Augenlider ſchatteten darüber, und ſie getraute ſich keines zu rühren, weil ſonſt Thränen fielen. Alle ihre Mitſchweſtern aus der ganzen Fichtau waren gekommen, um zu ſehen, wie ſie gekleidet, und geſchmückt ſei. Aber nur ein einfach weißes Seidenkleid floß um ihre Geſtalt, und in den Haaren war ein ſehr kleines grünes Kränzlein, und eine weiße Roſe aus ihrem Garten. Sie hatte die Steine doch wieder in der Kammer gelaſſen, weil es ihr als Sünde vorkam, ſie an dem heu⸗ tigen Tage zu tragen. So ging ſie vorüber, und als er mit ihr bis zu

dem Wagen gekommen war, ſah man, daß von der Hand, bei der er ſie

führte, kaum zwei Finger die ſeine berührten, und daß dieſe Finger zitter⸗ ten. Auch der Schleier, der zunächſt ihrer linken Wange und dem Racken hinabging, bebte an ihren ſchlagenden Pulſen, und man ſah es, da ſie vor dem Wagen ein wenig anhielt, um hineinzuſteigen.

Das iſt eine demüthige Braut, ſagte ein Weib aus dem Volke.

Das iſt die ſchönſte, demüthigſte Braut, die ich je geſehen, ſagte eine andere.

Und aus dem Flüſtern und aus dem Gemurmel der Zuſchauer gin⸗ gen die deutlichſten Zeichen des Beifalles hervor. Anna wurde dadurch nur noch verwirrter, wie er ſie einhob, und ſie ſich zurechtſetzte. Er ſtieg nun auch in denſelben Wagen, in dem bereits eine ſchöne alte Frau ſaß, die niemand kannte. Es war Heinrich's Mutter. Dann beſetzten ſich auch die andern Wagen mit Erasmus, dem Schmiede, mehreren Fichtauern und Fremden. Anna's Mutter mußte eingehoben werden, weil ſie mit ihrem Fuße vor Verwirrung den Wagentritt nicht finden konnte.

Endlich fuhr die ganze Wagenreihe gegen Priglitz ab, wobei ſich viele mit ihren Gebirgswägelchen anſchloſſen. Erſt, da Alle der Stein⸗ wand des Julius entlong flogen, löſte ſich die Volks⸗ und Gebirgsluſt,