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Zu einer andern Zeit und in anderer Lage würden ſie lange vor dieſen merkwürdigen Bildern und Naturſpielen geſtanden ſein, aber in dieſem Augenblicke war es ihnen nicht möglich; denn der alte Mann neben ihnen war von einer ſo furchtbaren Erregung gefaßt, daß er bei ſeinen letzten Worten in ein krampfhaftes Weinen ausbrach, die Hände vor das Geſicht ſchlug, und die überreichlichen Tropfen zwiſchen den dürren, faltigen Fingern hervorquellen ließ, ſo daß ſein ganzer Rieſenbau vor Schmerz zitterte, wie der See ſchwankt, wenn ein ferner Sturm tobt. Das Herz der Freunde that einen Blick in die Schlucht einer ver⸗ worrenen, vielleicht grauſenhaften That— ſie konnten nicht forſchen, und wollten es nicht; denn bereits funkelte der Wahnſinn, wie ein düſt⸗ res Nordlicht, an allen Punkten des unglücklichen Weſens vor ihnen, und ſie mochten ihn nicht ſteigern, daß er nicht etwa überſchlage und dem, wenn auch uralten, Körper Rieſenkräfte gebe, und zu Entſetzlichem treibe— auch hat das Menſchenherz eine natürliche Scheu, den dunklen Spuren eines Andern nachzugehen, auf denen es zu Schuld und Unglück wandelte. Deßhalb ſchwiegen ſie Beide tief und ernſt, ſelbſt gegen ein⸗ ander, und blickten nur noch trübe auf die beiden Bilder: Mutter und Sohn. Chelion war ſchön, wie ein reiner Engel, und Chriſtoph war es, wie ein gefallener. Neben ihm war kein Bild mehr, ſondern die lange Reihe leerer Riſchen für Alle noch Ungebornen, als hätte der Gründer auf eine Ewigkeit ſeines Geſchlechtes gerechnet.
Die Freunde wandten ſich nun zum Fortgehen. Ohnehin war ihnen die Luft dieſes Saales drückend geworden. Sie wollten unbeachtet an Rup⸗ recht vorübergehen, überzeugt, daß er ihnen, ſich ſänftigend, ſtille folgen würde. Aber wie er ihre Abſicht errieth, ließ er plötzlich die Hände von ſeinem Geſichte fallen, und ſtatt der vorigen Erregung ſahen ſie nun das äußerſte Erſtaunen darinnen, ſo, daß ihm ſogar vor Schreck die Thränen ſtocken geblieben, und wie gefrorne Tropfen in dem weißen Reife ſeines Bartes ſtanden:„Aber wie ſeid Ihr denn?“ rief er mit heftiger Stimme, „wozu habe ich Euch denn hergeführt? wozu ſeid Ihr denn zurückge⸗ kehrt? Ich habe den ganzen Tag die Geduld mit Euch gehabt, ich habe ja die höchſte Geduld gehabt, als Ihr immer und immer die andern Dinge des Berges anſchautet, und nicht ginget, wohin ich Euch führen wollte, ich habe die Geduld gehabt, um Euch endlich auch zu zeigen was ich gethan habe— warum wollt Ihr denn nun fortgehen?!“


