Die Freunde blickten auf, und wirklich bemerkten ſie, was ſie im Augenblicke vorher nicht beachtet hatten, daß das Gemälde neben Jodo⸗ kus mit blauer Seide verhängt war.
„Nun, es iſt dringender Grund,“ ſagte Robert lächelnd,„enthülle das Ding.“
Aber der Alte achtete nicht auf die Rede dieſes, ſondern mit einem düſtern verzagten Seitenblicke Heinrich ſtreifend, ſagte er:„ja, ja, es iſt dringender Grund— ein dringenderer kann gar nicht ſein; aber ich warne Euch— Ihr werdet Euch entſetzen.“
Einen Augenblick zauderte er noch, dann aber that er einen kurzen Zug an einer ſeidnen Schnur, der Vorhang rollte ſich von ſelber empor, klapperte in eine Feder, blieb ſtehen— und der alte Mann trat weit in den Saal zurück, als wäre er von tiefſter Erſchütterung ergriffen— aber, was ſie ſahen, war nicht zum Entſetzen, es war eher lieblich und ſchön: eine kleine weibliche Figur war auf dem Bilde gemalt, wie ein
Kind in ſanfter Trauer, und doch wie ein vermähltes glühendes Weib. Ueber dem ſchwarzen Seidenkleide hielt ſie ein lichtes Antlitz, ſo ſeltſam und ſchön, wie eine Blume über dunklen Blättern. Die kleine weiße Hand lag auf Marmor, und ſpiegelte ſich drinnen. Die Augen ſahen fremd und erſchreckt. Zu ihren Füßen, als friere er, ſchmiegte ſich ein Goldfaſan.
Unten im Serpentine ſtand:„Chelion.“
Die zwei Männer hatten lange und mit größtem Wohlgefallen den Schmelz dieſes Bildes betrachtet, aber wie ſie ſich endlich zum Gehen wegwandten, ſahen ſie zu ihrem Erſtaunen den greiſen Kaſtellan mit äußerſter Verzückung nach dem Gemälde ſtarren. Er hatte ſich nicht im Geringſten geregt, und war weit hinten im Saale geſtanden. Die Freunde richteten bei dieſer Erſcheinung, gleichſam wie durch Verabre⸗ dung, noch einmal ihren Blick auf das Bild, und als nach einer Weile
Heinrich ſagte:„Sie iſt aber eigentlich auch wundervoll ſchön und ſelt⸗
ſam,“ hörte man den Alten ſchleichenden Trittes herzugehen, und wie er
in die Rähe Heinrich's gekommen, ſtreckte er taſtend ſeine Hand gegen
ihn, daß der dürre Arm weit aus dem Aermel des alten Rockes vorſtand,
und rief mit leiſer heiſerer Stimme:„Ja, das iſt auch entſetzlich, das
iſt das Unglück, wie ſie ſchön iſt, wie ſie über alle Beſchreibung ſchön
iſt—— ich bitt' Euch, wahrt Eure Seele, Graf Sirtus! auf den 206


