Druckschrift 
Novellen und Schilderungen / von Ludwig Steub
Entstehung
[Giessen] [2026]
Einzelbild herunterladen

204 3

und vor vier Wochen iſt der Vater geſtorben, Thaddäus Brandner, und der Bruder laßt Dir ſagen, Du ſollſt eine ſchöne Tafel malen auf ſein Grab, ſo groß wie die für den Wirth von Wildenau, die Du voriges Jahr gemalt haſt und koſten darf ſie auch ſo viel.Und wie ſoll ſie denn aus⸗ ſehen? frag ich.So? ſagt ſie,das wirſt Du wohl ſelber wiſſen, wenn Du ein Maler biſt und wie Du's machſt, ſo iſt's recht.Eine Weiſung muß ich aber doch haben, ſag' ich,wenn's noch ſo gering iſt.Ich wüßte ſchon, ſagt das Mädel und wird ein biſſel roth,ich wüßte ſchon wie ich mein'; ich hab mir' ſelber ein wenig ausdenkt, aber Du darfſt nicht lachen! Und dabei ſchlagt's die Augen nieder und fangt zu zeichnen an mit dem Finger auf dem Fenſter⸗ ſimſen und ſagt: Oben hinauf in den Himmel malſt den hei⸗ ligen Thaddäus der muß aber gut getroffen ſeyn! und den Vater ſieht man, wie er in den Himmel kommt, halber noch in den Wolken und gibt dem heiligen Thaddäus die Hand. Der Vater aber muß ganz freudig ausſehen und unverzagt, nicht als wenn er aus Gnade in den Himmel käme, ſondern weil er's verdient hat. Und der Vater hat lange weiße Haare und ein rothfarbiges Geſicht und biſſel eine bucklichte Naſe. Und unten malſt die Wolken hin, goldfarbig und weiß durcheinander, recht licht, und den Himmel, ganz blau. Und unter den Himmel malſt das Gebirg, daß man recht weit ein⸗ ſchaut in die Thäler und daß man die Almhütten ſieht von ferne und obenauf den Schnee, der muß glanzen, und unterhalb den Wald. Und die Berg gehen rechter Hand und linker