Teil eines Werkes 
1. und 2. Lieferung (1819)
Entstehung
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auſſen anſchaut, und ſich doch mitten in beiden regt und bewegt, wo man auſſer ſich ſelber von einer unerklaͤrlichen Macht gezogen und angelockt wird. Betrachte lange eine geliebte Perſon, und Du wirſt in ſie uͤberſtromen wollen, Dich wird eine unbeſchreibliche Wehmuth ergreifen daß du grade Ich, und nicht jene biſt. Es wird dir manchmal gar ſeltſam faſt ſo bedunken, als waͤrſt Du in ihr drinn, und ſchauteſt aus ihren hel⸗ len Augen in Deine, und aus deinen in ihre wieder, nur wich ſelber gleichſam im Wechſel⸗ ſpiegel an. Verſenke dich in die Anſchauung der Natur, und das Aeußere wird dich mit ſol⸗ cher Allmacht zu Boden druͤcken daß es dein klei⸗ nes Ich vollig in ſich aufloͤſt; du wirſt wahrlich zehnmal eher befuͤrchten, in dem Strom des Al⸗ lebens fort und zerſpuͤlt zu zerrinnen, als daß du all das Schöne, Friſche und Lebendige um dich herum nur fuͤr das Geſpenſt deiner ſchaffenden Einbildungskraft halten könnteſt*). Das iſt die vielbeſungne, beklungene und benahmte Sehn⸗ ſucht, nach der du mit dem rollenden Strome mitfließen und fortrollen, mit dem fliegenden Vo⸗ gel ins weite Blaue davon flattern, mit der end⸗ loſen Straße ins Ferne und immer Fernere rei⸗ ſen, mit dem ſaͤuſelnden Winde zu den Bergen ferner Heimathslande entſchweben mochteſt. Der⸗ gleichen Augenblicke, wollt ich nun ſagen, geben dem Menſchen die Gewißheit, daß nicht Alles

*) Solgers Philosophiſche Geſpräche. S. 33.