Teil eines Werkes 
1. Band (1862)
Entstehung
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Dann küßte ſie Wilhelmine auf Wange und Mund und wandte ſich raſch zum Gehen. Des Kindes Arme zuckten, als die Mutter der Thüre zuſchritt: ſie wollten ſich emporheben, wie um ſie zu halten, aber ſogleich ſanken ſie wieder ſchlaff herab; als aber die Thüre ſich öffnete und wieder ſchloß, fing Wilhelmine zu zittern an und ihr ganzer Körper bewegte ſich unruhig, ihr Blick wurde unſtät, beklemmte Athemzüge rangen ſich in krampfhafter Haſt aus ihrer Bruſt, und ihre Hand, die mechaniſch einen Halt an dem Tiſche geſucht, taſtete fieberhaft auf ſeiner Decke umher. Endlich, wie von einer nicht mehr zu bezwingen⸗ den Gewalt niedergeworfen, ſtürzte ſie in die Knie, und ihr Geſicht in das Polſter eines Stuhles einwühlend, ſchluchzte ſie laut.

Die Priorin, ihre eine Hand auf die hohe Lehne dieſes Stuhles ſtützend, ſah eine Weile regungslos auf das weinende Kind nieder; da eine Thräne, vielleicht eine unbewußte Thräne, glitt über ihre ſchmale Wange, und ihr Haupt neigte ſich immer tiefer abwärts und, wie plötz⸗ lich einen Druck fühlend, hob ſie mit raſcher Be⸗

wegung die herabhängende Hand an die Stirne 28