Corridor angelangt, ſchien man ſie erwartet zu haben, denn eine dienende Schweſter trat ihr ſo⸗ gleich mit einem Liht entgegen und leitete ſie, nach einem frommen Gruße, ohne weitere Frage, durch einen langen Gang, der in einen Seiten⸗ flügel führte, den der Kloſtergarten umgab.
Hier öffnete die Nonne eine Thüre und zeigte auf eine andere, die Frau bedeutend, daß ſie dort eintreten möge.
Dieſe legte Mantel und Schleier ab, und eine ſtattliche Geſtalt kam zum Vorſchein, die jenes Frauenalter bekundete, das ſich nur ſchwer ent⸗ wöhnt, mit der Jugend in die Schranken zu tre⸗ ten. Ihr Geſicht trug die noch deutlich ausgepräg⸗ ten Spuren früherer Schönheit, welche jedoch nicht jene milde Würde zeigten, die ihren beginnenden Verfall vergeſſen macht. Es lag etwas leichtſinniges und dabei hochmüthiges in der regelmäßigen Bil⸗ dung dieſes Geſichtes, das ſelbſt der freundlichſte Aus⸗ druck deſſelben nicht ganz zu verwiſchen vermochte.
Ehe ſie an die bezeichnete Thür trat, um an⸗ zupochen, ſtrich ſie über die dunkeln Locken des Kindes hin und mahnte bedeutungsvoll:
„Sei artig, Wilhelmine.“


