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geſenktem Haupte; nach kurzer Friſt war kein Räuber mehr zu ſehen, Gensbein verſchwunden, der alte Sperberseck, von Lutz beſorgt, auf dem Siechenlager, Heerdegen neben der Leiche ſeines Bruders Poppele, und ſeiner Mutter. Die Nonnen, ihrer Haft entlaſſen, knieten betend auf dem Chor, und Hailwigs Blicke hingen an ihrem Kinde, welches der Vikar im Arm hielt, über deſſen Haupt Giſela geſprochen hatte:„Ich will Deine Mutter ſeyn.“
Während dieſes ſich alſo zutrug, rückte das Heer des Grafen heran, ungeduldig die Alb durchſchneidend, um nach der lieben Heimath zu eilen. Gebrochen war das Hohen⸗ krähener Schloß, Oſtertags tapferer Bruder zum Frieden gezwungen; ein grüner Siegeszweig bekränzte den Helm des Würtembergers. Umringt von ſeinen mannlichen Kämpen und Fahnen, ſtolz auf die Beute und auf das feindliche Panier, das er mit eigener Hand vom Kloſter Zwiefalten geriſſen, in den Staub getreten, als des Ruhmes Zeichen mit ſich geführt, ritt Graf Eberhard der Aeltere, während ſein Fußvolk ſeitwärts zog, an dem Offenhäuſer Kloſter vorüber, betrat im bleichen Morgenſchimmer die Kirche, ſeine Andacht zu verrichten, und hörte mit Verwun⸗ derung, was ſich in der fürchterlichen Nacht begeben.
„Und ſo nehmt von mir, erlauchter Herr, die allzu⸗ ſchwere Laſt, deren ich unwürdig geweſen von Anbeginn; laßt mich zurückkehren zu meinen Eltern, ihrer pflegen, die ich verließ, und bei dieſem Kinde Mutterſtelle vertreten. Dann wird Euch mein Herz ewig preiſen, wie einen Vater, und noch jenſeits meine Seele beten für Euer Heil.“
Alſo ſprach Giſela, fähig kaum, zu enden, weil die heißeſten Thränen ihre Worte erſtickten, und der edle Graf, ſinnend vor dem Altare ſtehend, erwiederte gerührt;„Ich hatte
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