Teil eines Werkes 
41. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Band (1840)
Entstehung
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Minne, und gedenkt der armen Hailwig! Der Junker drückte ſeine Stirne in beide Hände, und Giſela fragte zutternd vor Bewegung:Wie kommt Ihr zu dem Kinde, Herr? Ich hab's gerettet aus dem Brand zu Gomadingen, den Wurm mit mir genommen, vergebens forſchend nach ſeinen Eltern.Herr, dies iſt Euer Kind.

Der Junker verſtummte in Thränen unnennbaren Schmerzens, aber Wildherr ſchreckie ihn drohend auf:Rech⸗ net mit dem Himmel ab, Junker, und ſterbt als wie ein Mann; denn fürwahr, der meine Schweſter verführte, darf nicht von hiunen gehen im Leben. Heerdegen maß ſo⸗ wohl mit Blicken ihn, als den Landſäß, und verſetzte bitter: Ich verſtehe, warum jener Mann den Tod mir ſchwur; was that ich Dir jedoch?Verdammter! Ich bin edel wie Du, bin ein Sohn des Götz von Bachenſtein. Leugne jetzo, daß Du meine Schweſter entehrt, daß Du ſie geraubt, meine Eltern verſtoßen in die weite Welt! Hünerkogel! herbei, Du treuer Knecht, ſtrafe ihn Lügen, den Schänd⸗ lichen!

Reinhold! ſchrie in dieſen Zorn eine klare Stimme, und ein tiefbetrübtes Herz vergaß mit einem Male ſeine Leiden ob des größern, unverhofften Glücks.Schlage mich todt, wilder Menſch! rief Heerdegen mit Begeiſterung: zuvor empfange hier jedoch von meiner Hand die Schweſter, die Zeugin meiner Unſchuld!

Vor dem Taumel und Jubel des Wiederſehens beugte ſich ehrerbietig der Haß, verſchwanden des Mordes Gedanken. Landſäß war entwaffnet, fühlte ſeine Augen naß. Gensbein und die Räuber ahnten eine höhere Fügung, Anshelms und des Knechtes Bande fielen, und umgeben war der alte Vater von ſeinen Söhnen; aber er grüßte ſie nicht, er kannte ſie ſchier nicht; und wenn ſein Mund ſich öffnete, ſo verſuchte er nur lallend den Namen ſeines Weibes auszuſprechen.