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Dein Heiligthum ſchänden, ſtehe allen Sündern bei, welche da leben oder mit dem Tode ringen, und verleihe mir, Dei⸗ nem Knecht, einen baldigen Ausgang aus dieſem Gräuel nach Deinem unerforſchlichen Willen!“— Der Wildherr zürnte ihm:„Du machſt lange, zitternder Kahlkopf, beteſt, wie ich glaube, meine Braut zu Tode. Sieh ihre Bläſſe, ſieh, wie ſie hinſchwankt. O Du geliebte Jungfrau, an der ich hange, mehr als am Leben, vermag nichts Deinem Schmerz Dich zu entreißen? meine Umarmung iſt vielleicht grauſam, aber mich verzehrt die Glut, und lange Jahre hindurch will ich meine ſüße Braut tragen uud pflegen, wie eine Königin, daß ſie mir vergebe dieſe Stunde der Angſt.“ Giſela vernahm dieſe von Herzen kommenden Worte, richtete mit Staunen und Abſcheu das abgewendete Geſicht für einen Augenblick auf den Räuber, ſchauderte wieder zuſammen, und ſchrie, was ſie vermochte, zum Himmel:„Dieſem grauen Wiüterich ſoll ich zum Opfer ſeyn? o mein Erlöſer, haſt Du mich ſo ganz verlaſſen?“— Wildherr fiel nun heftig in ihren Jammer ein:„Mein graues Haar, mein wilder Bart, ich Thor, was dacht' ich nicht daran? Du ſchreckſt Dich vor dem Alter, Jungfrau, zitterſt vor des Winters Schnee? ſchaue mich, wie ich bin, mindere Deinen Schmerz, ſtille Deine Klage! Mit einem Zuge ſeiner Hand warf er von ſich, was ihn verſtellte; und ein braunes, muthi⸗ ges Geſicht, in des Mannesalters Blüthe, mit friſchen Wan⸗ gen und ſtarken dunkeln Locken erſtand aus der Vermummung. Giſela, ihn gewahrend, wie er mit der Fackel ſein Antlitz be⸗ leuchtete, ſtützte ſich auf den Altar und des Prieſters Arm, und verwendete nicht mehr von dem Räuber den ſtarren Blick. Der Landſäß ſagte aber, ſein Auge auf die Nonne heftend, zu Gensbein:„Verblendet mich ein Teufel, und iſt nicht jene das Mägdlein, dem ich einſt zu Baden nachgeſtellt? Dieſe


