Teil eines Werkes 
41. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Band (1840)
Entstehung
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Wildherr ſchleuderte dem Anshelm aus den Augen einen Drohblitz zu, aber den Alten liebkoste er, ſagte ihm ein freundlich Wort. Der greiſe Herr von Sperberseck begriff nicht mehr, was mit ihm vorging, denn er war ſtumpffinnig geworden, wie ein blödes Kind, und ſtierte ſchweigend vor ſich hin, als wollte er den Kopf nimmer verwenden. Anshelm hatte inzwiſchen, mit dem Halbdunkel mehr ver⸗ traut, Gensbeins freche Stirne unterſchieden, mit einem Seufzer ſich verhüllt; und wie von des Engels Poſaune erdröhnte ſein Ohr, als der falſche Betrüger zu dem Land⸗ ſäß anhob:Seht, v Herr, den Mann, der mir befahl, ſein Brüderlein hinwegzutragen, und auf ewig ſtumm zu machen. Die Heiligen rührten mein Herz, daß ich die Bosheit nicht vollführte, und in dem Friſchhans für den Knaben einen Pfleger wählte. Ich log dem ungetreuen Bruder vor, wie das Kind im Mühlbach ertränkt worden ſei; das Geld, ſo ich in des Waldbauern Hütte vergrub, war aber der vor⸗ ausbezahlte Sold der Miſſethat.Das hätteſt Du ge⸗ than, Du Heide? ſchnaubte Landſäß dem Anshelm zu, deſſen Kniee ſchlotterten, und deſſen Lippen kaum die Frage hervorbrachten:Wenn der Bube lebt, wo iſt er denn? Geh' hinauf in's Kloſter, entgegnete Landſäß,ſuche dort nach ihm, und hebe ihn aus ſeinem Blute. Die beſte Frucht der Rache fiel in den Staub, aber dennoch höre ich nicht auf, der Würgengel Deines Hauſes zu ſeyn, bis mir Dein Bruder zum Opfer fiel. Da verſtellte ſich des Anshelms Geſicht in eine ſcheußliche Larve, und mit gerungenen Hän⸗ den ſtammelte er:Mein Bruder.. ach, er trägt die Schuld allein... ich ſage mich los von ihm... überlaſſe ihn der Strafe... ſchont meines Lebens, ich habe Weib und Kinder, ich will den Baſtard begraben laſſen.... eine Jahrszeit ſtiften; mein Bruder kömmt, er kann nicht ſäumen rechtet mit ihm, ſchonet meiner, des Armſeligſten!