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Der Wildherr ſtreckte jedoch ſchirmend ſeine Hand über Heinzens Kopf, und ſprach drohend:„Rührt ihn nicht an. Wißt ihr denn, ob nicht ſein Arm von Gott erwählt gewe⸗ ſen, mit dieſem jämmerlichen Todtſchlag Frieden zu ſtiften, ſtatt des Haders? laßt ab von fernern blutigen Gedanken. Soll meine Hochzeit mit weiterm Morde befleckt ſeyn? Mit nichten; es drängt die Zeit, und annoch ſind die Kerzen nicht entzündet. Wo iſt der Pfaff, daß er mein Bündniß ſegne? Hier ſtehen die Zeugen, hier der Bräutigam, hier die Braut.“
Er zeigte auf Giſela, die wie eine Schmerzensmutter neben Poppele kniete, das Haupt des Jünglings auf ihren Knieen hielt, und noch keine Thräne fand, den zu beweinen, der für ſie geſtorben war, ſo bitterer Schmerz zermalmte ihre Seele. Das Antlitz des Todten war ruhig, ſeine ſtar⸗ ren Augen blickten auf, als ſuchten ſie mit unendlicher Liebe die Freundin, die Mutter, das einzige Kleinod eines bos⸗ haft zertrümmerten Lebens. Vor dieſem Trauerbilde zähmte ſich der Räuber Muthwille, verſtummte die Wehklage der herbeigeeilten Nonnen, die nur leiſe flüſterten:„Wahrlich, es war geſponnen, ſein Todtenhemd. Wer aber rettet uns aus dieſer Noth der Gewalt der wilden Männer, und der erzürnten Priorin?“ Richardis ſtand Verderben brütend dem Konvent gegenüber, zagend Gensbein in dem Schutz des Landſäß, nachdenklich und verſchloſſen der Ritter von Frie⸗ dingen. Hünerkogel ſchleppte den Vikar herzu, kaum beklei⸗ det, halb entſeelt vor Schrecken. Der arme Mann wollte den Mund aufthun, die Kloſterſtürmer anzureden, aber Wildherr befahl ihm zu ſchweigen, und zur Kirche voranzugehen, um eine Trauuug zu verrichten. Zugleich gebot er den zittern⸗ den Weibern, daß ſie ſchwiegen, keinen Laut von ſich gäben, wäre ihnen lieb das Leben. Hierauf trat er vor Giſela und redete ſie an mit brünſtiger Leidenſchaft in den Blicken:


