Teil eines Werkes 
41. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Band (1840)
Entstehung
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Laß von dem Knaben ab; was todt iſt, nimmer wird's lebendig. Ich habe Dich erkoren, das Lamm zu ſeyn, wel⸗ ches mich ſchon in dieſer Welt entſündige. Du haſt in mei⸗ nem Herzen die erſte Liebe entflammt, und ich will mir nicht verſagen, in Deinen Armen glücklich zu ſeyn. Willig oder ſpröde, mit Luſt oder mit Haß, wirf Dein Nonnen⸗ kleid von Dir, ſey eines tapfern Mannes Weib. Ich kam mit dieſen wackern Leuten, Dich heimzuführen, und des Prieſters Spruch ſoll uns vereinen. Folge mir zur Kirche.

Als ob ſie dem von ferne rollenden Doyner lanſchte, richtete Giſela den Kopf in die Höhe, und ihr Ohr verſtand nicht, was der bärtige Greis ſprach, und zerſtreut gleiteten ihre Blicke in der Runde, wie eines nachtfertigen Menſchen, bis abermals auf den bleichen Poppele und auf das dunkle Blut ſie fielen. Da ſeufzte die Gebeugte mit verdoppelter

Wehmuth, bückte ſich tiefer zu der Leiche nieder, gehörte

wieder ganz dem brennendſten Schmerz. Eine harte Fauſt riß ſie empor, höhniſch rief die ungeduldige Richardis: Ermanne Dich, auserleſene Braut eines Räuberführers! Ich will Deine Kränzeljungfer ſeyn und Zeugniß geben von Deinen Eiden. Giſela ſchrie entſetzt auf, entwand ſich der grauſamen Feindin, ſtrebte hin nach dem Leichnam, von dem ſie geriſſen werden ſollte, griff nach Hailwigs ſchützenden Armen, die ſich ihr öffneten. Aber von dem Todten ſtieß ſie der Wildherr, von der mitleidigen Schweſter trennte ſie Richar⸗ dis, und ſie fühlte ſich wie im Fluge davon getragen, von den Händen des erſchrecklichen Hochzeiters und der Braut⸗ führerin.Sperrt die Weiber feſt ein! tödtet alſogleich die erſte, die verſuchte, um Hülfe zu rufen! befahl der Wild⸗ herr ſeinen Kumpanen, und Richardis ſetzte gebieteriſch hinzu: Nehmt der blaſſen Thörin dort die Schlüſſel ab, und bringt ſie mir, denn ich bin fürder dieſes Hauſes Meiſterin, und Nonne von Gnadenzell. II. 12