Teil eines Werkes 
41. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Band (1840)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

nicht ſtark genng geachtet war, Giſela's Feinden zu ſchaden⸗

162

den Kleinodien, welche ſie unter Drohungen fordert? Giſela autwortete finſter:Ich fand den Schatz, und habe ihn hinweg gethan, weil er von Teufeln kommen möchte, und ſeinen Urſprung Niemand weiß. Der Biſchof ſoll einſt darüber entſcheiden, und der Graf. Sprechen ſie, daß er dem Kloſter frommen möge, ſo geſchehe darnach. Ich waſche meine Hände in Unſchuld, und will nicht etwa eine neue Sünde auf mich laden, zermartert wie ich bin von ſchnöder

Leidenſchaft und bangen Zweifeln. Noch einmal warf ſie

ſich, unverholen ihren Schmerz bekennend, an den Hals der Freundin, und jammerte:Rette mich vor mir ſelber, gib mir Troſt und Faſſung. Ich bin nicht werth, dieſes Kleid zu tragen, des Erlöſers Braut zu heißen. Doch meine Ge⸗ lübde ſind ewig, und keine Macht nimmt mehr vom Haupte mir den Schleier, das Skapulier vom blutenden Herzen!

Da vermochte nicht Hailwig, ſich länger zu halten, und ſie ſtreichelte, ſelber weinend, das Geſicht der Leidenden⸗ ſprach wie ein Engel der Verſöhnung:Zürne nicht, wenn ich Dir eine Wunde ſchlage, um Dich von ſchwererem Siech⸗ thum zu heilen. Meine Schweſter, längſt trage ich ein Ge⸗ heimniß bei mir, welches Dich von Deinen Aengſten be⸗ freien wird. Ich verſchwieg es, Dich nicht zu kränken, aber heute ſtehen die Zeichen anders, und Dir frommt, was vor⸗ dem Dich getödtet hätte. Du bißt nicht gültig zur Nonne geweiht, biſt von des Biſchofs Hand nicht eingeſegnet. Sie haben ein freches Larvenſpiel mit Dir getrieben, und, wohl Dir, es wird Dein Glück. Giſela fühlte ſich yernichtet, und zu gleicher Zeit neu geſtärkt. MWit bleichen Lippen fragte ſie weiter, mit Heftigkeit erzählte Hailwig Alles, wie ſie es nach und nach erfahren, da Giſela gefangen gehalten wurde, und Richardis der Freundin nur ſchonte, weil ſie