156 „Ich ſitze oft zur Nacht im Gottesacker und höre, wie die Geſpenſter flüſtern.“—„Das iſt der Bäume Blätterſpiel, mein Sohn. Selige Geiſter kehren nicht wieder, und die verdammten meiden die geweihten Oerter.“—„Was meinſt Du, Mutter Geißlin? iſt Frau Demuth im Paradieſe, oder.—„Im Paradieſe ſicherlich. Laß ſie ruhen, die gute Demuth.“—„Ich ſtöre ſie nicht, konnte ſie nie⸗ mals leiden;'s war mir ſtets, als hätte ſie mir ein Leid zugefügt.“—„Die arme Büßerin, die Keinem Böſes that?“ —„Wer weiß das? ſie war ſchon alt, da ſie in's Kloſter kam; und was ſie draußen Schlimmes nicht getrieben, kann ſie von den geſchornen Weibern gelernt haben.“—„Schweige, Du läſterſt.“
Giſela drehte ſich von dem Jüngling, begann auf's Neue ihre Gebete. Doch wollte der Mund nicht recht gehor⸗ chen; das Gedächtniß weigerte den Dienſt. Zudem ſchienen die Lippen der Leiche, ruhig und bedächtig geſchloſſen, zu ſagen: Was beteſt Du ſo angeſtrengt für mich? Ich will mein Leben ſchon ſelber vertreten!— Giſela ſetzte ſich auf ihren Schemel, beobachtete den Poppele, welcher, mit unge⸗ wöhnlicher Klarheit im Auge, beſcheiden daneben kauerte, und ſagte zu ihm:„Ich will ausruhen. Wenn Du nicht thöricht reden willſt, ſo berichte mir Einiges von Deinem Leben und Schickſal. Ich zürne Dir nicht, möchte gerne wiſſen, ob Du verdienſt, daß man Dir gut ſey.“—„Ich bin Dir gut; warum wollteſt Du mich haſſen? ich war einſt den Kloſterweibern gut, aber ſie haßten mich dennoch, und nun haſſe ich ſie wieder. Maaß für Maaß; ſo viel Mund, ſo viel Pfund.“—„Welch ein Chriſtenthum! wie hat Dich Dein Vater erzogen!“—„Wie das Holz im Walde wächst, ſo viel Mühe machte ich ihm. Er gab mir zu eſſen, wenn er etwas hatte; damit genug.“—„Der wüſte Mann!“—„Er hat mich freilich viel geſchlagenz


