Teil eines Werkes 
40. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 2. Band (1840)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

öffnete ihr Putzkäſtlein, beäugelte ſich wohlgefällig im Spie⸗ gel, zog unter dem gefalteten Schleier hervor die reichen Locken ihres Haars, daß ſie von der Schläfe bis zum Bu⸗ ſen niederhingen, brüſtete ſich ſehr damit vor dem venetia⸗ niſchen Glaſe, und lispelte vor ſich hin:Iſt's ſo recht? ſieht er mich nicht am liebſten ſo?.

Ohne eine weitere Anmeldung ſprang die Thüre auf, und zwei Nonnen ſtürmten herein, überraſchten die Oberin bei ihrer ſüßen Beſchäftigung. Die eine, von mittleren Jahren, mit frechem ſpitzigem Geſichte, die andere, jünger als die Priorin, und ſchön wie ein Lenztag; beide lebhaft, ausgelaſſen, in ihren Handlungen die Schranken ihres Stan⸗ des überſpringend, wie in ihrem Gewande. Der feinſte Camelot, die glatteſte Seide an dem Kleide dieſer Bettel⸗ kloſterfrauen verſchwendet, weiche Filzſchuhe, ſtatt der Holz⸗ ſohlen, an den Füßen, auf dem Kopf phantaſtiſche, nach eigener Laune gelegte Schleier. Die häßlichen Hände Me⸗ dora's waren mit prächtigen Handſchuhen überzogen, ge⸗ ſchmückt mit flimmernden Ringen; die ſchöne Renata zeigte voll eitler Ueppigkeit den weißen Hals und die liebreizende Bruſt, trotz Kutte und Skapulier. Zu Faſtnachtszeiten hätte man ſie für leichtfertige Frauen gehalten, die mit dem ſtrengen Nonnengewande ihren Scherz treiben; gaukelhaft und geräuſchvoll wie Curtiſanen liefen ſie auf die Priorin zu, umarmten dieſelbe mit größter Vertraulichkeit, und zo⸗ gen ſchäkernd die Vorhänge auf, die das Schlafgemach der Oberin verdeckten.Hab' ich nicht recht? lachte Renata und höhnte Medoren mit eiteln Geberden:die heilige Domina verſteht den Handel beſſer, und läßt den Falken fliegen am früheſten Morgen, ehe die neugierigen Fleder⸗ mäuſe zu Neſte kehren. Medora zuckte die Achſeln und brach in ein widerliches Gelächter aus.Was habt ihr, tolle Schweſtern? fragte die Priorin, ohne an der Neue⸗