Teil eines Werkes 
40. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 2. Band (1840)
Entstehung
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B

hielt ein Hündlein mit beiden Händen auf ihrem Schooße, und nickte der eintretenden Pilgerin vornehm zu. Die hoch⸗ würdigſte Mutter Richardis ſah ihrer Schweſter Mechtild vom Zavelſtein in den meiſten Stücken gleich; daſſelbe ſchöne Geſicht, dieſelbe blühende Wange, dieſelben gefährlichen Au⸗ gen, und nicht weniger der leidenſchaftliche Zug auf dem Antlitz, verbunden mit dem Stolz einer Befehlshaberin, die ihrer Gewalt ſicher iſt. Eine feine weiße Kutte umhüllte, nicht ohne Kunſt geordnet, die ſchlanke Geſtalt, das weichſte Linnen umſchloß Stirne und Wange, und über das Ganze war nachläßig geworfen der ſchwarze Schulterkragen und Mantel, worunter das blitzende Kreuz leuchtete, gebettet auf dem weißen Skapulier. Die bewundernswürdig ſchönen Hände der Priorin ſpielten ſchmeichleriſch mit den Haaren des Schooßhündleins, und weich, wie dieſe Schneefinger, klang die Frage aus dem Munde der Oberin:Biſt Du, mein Kind, die Ueberbringerin des Briefleins, das meine Schweſter mir geſchrieben?Ich bin's, hochwürdigſte Frau Mutter, und erwarte Euere Befehle.

Die Priorin heftete die dunkeln Augen ſtarr auf Gie ſela, und der Blick wollte ſchier nicht enden. Ueberraſchung, Hochmuth und gleißende Freundlichkeit malten ſich darinnen. Giſela hielt dieſe Prüfung furchtlos aus, bis die Priorin begann:Was Dich berührt und angeht, meine Tochter, habe ich bereits aus dem Schreiben erſehen. Meine liebſte Schweſter empfiehlt ein ſcheues Schäflein meiner Obhut; wäre nur immer die Gewalt des armen Erdenwurmes eins und gleich mit ſeinem Willen! Was ſoll ich Dir antworten, herzliebe Tochter? Es iſt Verdienſt, Tugend einer jung⸗ fräulichen Seele, wenn ſie der ſchnöden Welt abſagt auf Tod und Leben, und wir arme Kloſterſchweſtern ſind gern geneigt, ſolche Tugend zu unterſtützen; aber Du kommſt zu einer böſen Zeit in dieſes Kloſter, theure Geißlin. Die