8
der Friedhof, von dem Ihr links eine Strecke überſehen mögt. Dort liegen im tiefen Grunde die modernden Ge⸗ beine der alten Offenhäuſer, und man ſagt, daß oft zur Nachtzeit ihre Gräber ſich öffnen und die Geſpenſter der alten Frevler heraufſteigen, und einen langen Reigen tanzen unter den rauſchenden Bäumen. Gott verleihe einſt den armen Seelen eine fröhliche Urſtänd, nicht minder den abgeſtorbenen Leibern der Nonnen, die in der Kirchengruft ſchlafen, weil wir doch alle Sünder vor dem Herrn ſind.“ Bei dieſen Worten ſah Crescentia recht nachdenklich vor ſich hin, fuhr dann, gleichſam ſich ermuthigend, mit der Hand über Augen und Stirne, und ſetzte hinzu:„Schier hätte ich vergeſſen, daß die hochwürdigſte Frau Priorin nach Euch verlangt. Sie befahl mir, Euch zu führen.“— „Ich gehorche,“ antwortete Giſela und folgte der Führerin mit freudiger Erwartung. Sie ſtiegen die knarrende Treppe, in das mittlere Stockwerk hinab, gingen an dem offenſte⸗ henden Sprachzimmer vorbei, worinnen einige träge, ver⸗
ſchlafene Weiber das Geräthe des letzten Schmauſes ſon⸗
derten, und klopften an die Thüre, die zu dem Gemache der Priorin führte. Eine Dienerin ſchloß auf, und wies die Eintretenden an das Ende eines düſtern Ganges. Crescentia ging zuerſt zu der Domina hinein, kam nach wenig Augenblicken zurück, und ſchob Giſela in die helle Stube. Das Zimmer war mit einer gewiſſen klöſterlichen Pracht geſchmückt, die Täfelwand mit vielen Heiligenbildern auf goldenem Grunde behangen, große Büſche von künſtlichen Roſen und Stern⸗ blumen ſtanden auf dem Tiſche, auf dem Betaltar, in den Fenſterniſchen, ein ſüßer Duft durchzog wie leichter Weih⸗ rauch den zierlichen Raum, und ſchwere Vorhänge von grünem Zeuge deckten die Thüren, die Fenſter, und warme Teppiche den Boven. An dem Tiſche ſaß im Polſterſtuhl, vie Füße weich auf ein Sammetkiſſen geſtellt, die Priorin,
S—


