Teil eines Werkes 
39. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 1. Band (1840)
Entstehung
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wenn Du mir vertrauen wollteſt. Nimm Dir ein Beiſpiel an meiner Offenherzigkeit. Ich bin nicht eiferſüchtig mit meinem Lieb, und will Dich ſelber zu dem Mägdlein füh⸗ ren, wenn's Dir gefällt. Ich weiß das Neſt des Vögleins, bin ihm nachgeſchlichen, und habe noch nicht in die Hände geklatſcht, noch nicht einmal in die Lockpfeife geſtoßen, um es recht heimlich und arglos zu erhalten; ganz in der Stille werde ich mein Netz aufziehen, und Du ſollſ mit am Herde ſitzen, wenn Du willſt.Danke, erwie⸗ derte Heerdegen trocken. Scherer ließ ſich nicht ſtören, und ſagte weiter:Eine Frage an Dich. Haſt Du mit Deinem Lieb ſchon gerepet?Nein.Hoho, da iſt alſo noch nicht zu verzweifeln. In Minneſachen iſt das Reden gut. Wie oft haſt Du Dein Lieb geſehen?Einmal, hier, heute.Sieh doch, wie die Beichte Dir ſo ſchön vom Munde geht. Viel Zeit iſt noch nicht verloren, das Städtlein klein, der feinen Dirnen ſind nicht allzuviel, Du wirß Dein Kleinod ſchon wieder finden.Viel⸗ leicht.Aber reden mußt Du vann mit ihr und auf alle Zeichen merken, wenn ſie die Spröde ſpielen will. Du biſt lang in Burgund und den franzöſiſchen Landen herum geweſen, und haſt vielleicht vergeſſen, wie ſich im Vater⸗ land die Töchter geberden, wenn der Verſucher ihnen nahe kömmt.Meinſt Du?Potz hinkende Gans, das muß ich verſtehen. In der Weiber Mummenſchanz bin ich erfahren, denn, was Du auch ſagen magſt, ich habe nicht von der Annelieſe allein mein Liebes⸗Paternoſter gelernt. So? Laß doch hören; die Mahlzeit wird juſt aufge⸗ ſetzt, wir wollen unten an der Tafel Platz nehmen, und Du ſollſt für einen aufmerkſamen Knaben Schule halten, weil ich eben nichts anders hören will, und ſelber nichts zu reden weiß, weder im Ernſt, noch im Spaß.

Sie ſetzten ſich, wie Heerdegen es gewünſcht, an das