Teil eines Werkes 
39. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 1. Band (1840)
Entstehung
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deckt, und zu beiden Seiien offen, nach wälſcher Sitte nur mit luftigen Gittern verwahrt, die man nach Belieben öffnen und ſchließen konnte. Von der einen Seite ſchaute man in den von Menſchen und Thieren belebten Hof, von der andern über den Baumgarten und die Häuſer der lan⸗ gen Gaſſe hinweg in's Freie, wo die grünen Höhen des Frieſenbergs ſich heiter in die Luft ſtreckten. Des Scherzes war viel in dieſer angenehmen Laube, Bekannte und Fremde, Männer und Frauen wandelten traulich auf und ab, riefen ſich ihr luſtigesGeſegne Gott das erſte Bad entgegen,

ſchauten dem Spiele zu, ſangen, pfiffen und plauderten

kurzweilig durch einander. Heerdegen bückte ſich über das

Geländer, und zählte gedankenvoll die Blumen und Stau⸗

den des Gartens. Mancher Zechbruder ſtrich an ihm vor⸗ über, und klapperte leichtfertig mit der Würfelbüchſe an ſeinem Gürtel: Heerdegen hörte nicht. Manche Straßbur⸗ ger Schönheit verſuchte mit ſüßem Laut und Blick ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen: Heerdegen ſchaute ſich nicht um. Endlich näherte ſich ihm mit klirrendem Schritt ver hoch⸗ gewachſene hagere Scherer von Landſäß, der ſo eben, eine muntere Weiſe ſummend, über die Treppe herauf geſtolpert war, klopfte ihn vergnügt auf die Schulter, und rief neckend:Wie kommt es doch, daß Du ſo ernſthaft und verdroſſen biſt? Sieh mich an, den Du in verwichener Nacht unter den Tiſch getrunken, und ſchäme Dich vor meiner Roſenlaune. Potz hinkende Gans! Ich habe den Weinrauſch nur verſchlafen, um in Liebestrunkenheit zu ſinken.

Heerdegen, der bisher mit einem Anflug von Wehmuth der ſchönen Dirne gedacht hatte, die in der Kirche ſo wun⸗ derbar und ſchnell ſein Herz berückte, ſchielte unwirſch nach dem Scherer, und murmelte, als ſey er des Geſchwätzes überdrüſſig:Spiele nicht den Faſtnachtsnarrn auf, guter

Nonne von Gnadenzell. I. 2