Teil eines Werkes 
39. Band, Die Nonne von Gnadenzell : Sittengemälde des fünfzehnten Jahrhunderts : 1. Band (1840)
Entstehung
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lichem Segenſpruch und Verkündigung aller Freiheiten, ſo von Kaiſer und Reich, wie von dem durchlauchtigſten Mark⸗ grafen insbeſondere, der uralten Stadt verliehen worden waren. Tags zuvor hatten ſich bereits die Herbergen mit fremden Gäſten angefüllt, und die hölzerne Klapper der Badeknechte weckte die Müden, die noch auf dem weichen Lager ſchliefen. Sie ſammelten ſich jedoch ſchnell in den Höfen ihrer Gaſthäuſer, und beim dritten Glockenzeichen traten ſie ehrenfeſt und fein geputzt aus den Thoren der Herbergen zum Ungemach, zum Greiffen, zum Leuen und zum Baldreit, um nach der Kirche zu wallen. Der Magiſtrat empfing die Fremden auf dem Platze mit Gruß, Pandſchlag und Ehrenwein, der Ceremoniarius des Stifts führte ſie in die Kirche ein, wo der Chor vollſtändig ge⸗ fungen wurde, und der Leutprieſter die Bademeſſe begann. Die beſten Plätze waren für die Gäſte bereitet, denn ſo wollte es der Markgraf, der ſeine Hofſtadt liebte, ihre wunderthätigen Quellen berühmt zu machen begehrte, und für ſeine eigene Perſon den Entſchluß gefaßt hatte, die hoch⸗ gelegene Burg ſeiner Ahnen zu verlaſſen, und dicht über der Stadt ein neues Haus für ſein fürſtliches Geſchlecht zu bauen. Seine Bemühungen, ſein geliebtes Baden empor⸗ zubringen, hatten ſchon erwünſchten Erfolg gehabt; Fürſten, Grafen und Herren hatten den Weg zu den Heilquellen gefunden; die Würdenträger der Kirche, gelehrte Profeſ⸗ ſoren der allenthalben aufblühenden Hochſchulen, und reiche Bürgergeſchlechter von der Donau und dem Rhein waren dem Beiſpiel der Vornehmen gefolgt. Denn innerhalb der Herrenburgen, der hohen Stifter und Abteien, und der wohlverwahrten Mauern der Städte blühte Reichthum und Kunflfleiß, und Wohlleben und Ueppigkeit, wenn auch das Volk auf dem Lande erlag unter dem Drucke der Steuern und Frohnen, wie unter den zahlloſen Fehden der kleinen