12
Meiſter Gylle!“— Worauf der Anſprecher, ſeinen Trank ſchlürfend, die Augen verdrehte, ſalbungsvoll ſagend:„Alle Menſchen müſſen ſterben; vor Allen alte Leute: vor Allen Schiffer und Matroſen, die dem falſchen Meer vertrauen. Troͤſtet Euch, gute Gevatterin. Richter und Bürger⸗ meiſter, geiſtlich und weltlich muß daran glauben. Da ſagt mir mein Klaas, der zu Gravenhagen als Weber ſitzt, daß vorgeſtern der Altſchultheiß Laurenz Bockel das Zeitliche geſegnet hat, nachdem er friſch und wohl eine Makreele verſpeist hatte. In einer Viertelſtunde ge⸗ ſund und todt; ein Schultheiß, ein reicher Mann, kaum in den Fünfzigen; da habt Ihr, wie es in der Welt zugeht. Darum tröſtet Euch, und wenn's an das Anſa⸗ gen kommt, ſo vergeßt nicht etwa den Gevatter Gylle!“ — Er flog davon auf ſpindeldürren Beinen, leicht wie der Deut, den er für ſeinen verfälſchten Wermuth hin⸗ geworfen. Die Wirthin zog aber ihre Kopfbinde feſter, lächelte ſtille vor ſich hin, und ſprach zu Natje:„Rüſte Alles wohl, mein Bräutchen. Wir werden, ſobald nur das Schauſpiel zu Ende, viele Gäſte bei uns ſehen. Sie ſtellen heut den Sturm von Troja vor, und da gibt's immer viel Volk, weil die hölzerne Stadt in Flammen aufgeht. Ich will auch nicht das Ende verſäumen. Halt wohl Haus, mein Herzchen; merke Dir's.“
Mit neidiſchen Blicken nickte die Magd, und rumorte mit Keſſel und Buttertöpfen. Geert, der Kellerjunge, ſchlich ſich zu ihr, um den cleviſchen Reiter, den Abwe⸗ ſenden, zu erſetzen. Die Wirthin eilte indeſſen auf klap⸗ penden Pantoffeln hinüber, wo im weiten Viereck, von Brettern aufgebaut, die Tragödie geſpielt wurde, die halb Leyden herbeigelockt hatte.
Die Sonne ſank bereits, und das Trauerſtück näherte ſich der Entwicklung. So eben wurde das ungeheure Roß auf die Bühne gezogen, und der Chor ſang ein⸗ toͤnig:„Das iſt das Pferd, das vermaledeite, aus deſſen


