20⁰
aus, die ſich aufthat, um auf eine zierlich geſchmückte, roth und weiß gedeckte Tafel die Ausſicht zu gewähren.
Die Roſenwirthin hatte es darauf angelegt, ſich als eine wohlhabende Frau zu zeigen. Der Imbiß, ſo ein⸗ fach er war, galt als ein fürſtliches Leckermahl. Von hellen Kerzen beſchienen, funkelte das reiche Geſchirr dop⸗ pelt prachtvoll, Sitber, wohin die Gäſte nur blickten, und dazwiſchen die verdeckten Schüſſeln von der feinſten delff⸗ tiſchen Töpferarbeit, Credenzbreter von Ebenholz und Elfenbein, venetianiſche Pokale mit vergoldeten Helmen und Greifenklauen. Was die kunſtreichen Hände der Nbiederländer Seltenes gearbeitet, was die abenteuerliche Einbildungskraft der wälſchen Künſtler Sonderbares und Wunderliches erfunden, und der Handel vom adriatiſchen Meere in's kalte Nordland befördert, ſtand hier beiſam⸗ men, als ein Zeuge bürgerlichen Wohlſtandes. Deun viele der beſſeren Häuſer in Münſter waren eben ſo reichlich beſtellt, und der Ueberfluß war in der Biſchofsſtadt kein unbekanntes Ding.
Ein Platz am Tiſche blieb unbeſetzt, der zur Rechten der Roſenwirthin.„Ich erwartete meinen hochwürdigen Gewiſſenspfleger, den Cuſtos Sibing,“ ſprach die alte Frau,„doch iſt die Stunde ſchon ſpät, und ſchwerlich dürfte der Herr mehr erſcheinen. Seiner Geſchäfte ſind in ſo trübſeligen Zeitläuften gar viele. So manche fromme Seele dürſtet nach ſeinem Labewort und Troſt. — Setze Dich daher nur an meine Seite, liebe Kuipper⸗ dolling. Wir halten ja ſchon am Längſten zuſammen, gelt? Rückt an meine Linke, Dreierin. Tuneckens, Meta, Stahlhoven, nehmt Platz. Die Wandtſcheerers Lisbeth— vergebt, Frau Harderwich, daß ich Euch noch manchmal mit dem Jungfernnamen beläſtige, aber ich bin vergeßlich, und es iſt ja noch nicht ſo lange, daß Ihr zum heiligen Ehſtand Euch bekehret— die Eliſabeth alſo ſetze ſich zu den Jungfern an's End des Tiſches.


