Teil eines Werkes 
52. Band, Der König von Zion : romantisches Gemälde aus dem sechszehten Jahrhundert : 2. Band (1840)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

hinaus und nirgends an, aber, wie bald, wie bald zer⸗ rinnt Schönheit und Geſtalt! Und der Müller iſt Dir zu ſchlecht, und weil Du den Kaufmann nicht kennſt, ſagſt Dn gleich Nein? O Du verzogenes Mägdlein! haſt doch den Eigenſinn Deines Vaters geerbt? Nein, ich irre mich, Deine Mutter war noch eigenſinniger, ſonſt hätte ich ſie nie dem Herrn Lüdger gegeben. Aber des ſtolzen Meiſters Hochmuth haſt Du zugewogen bekom⸗ men, biſt eine rechte Bogenjungfer geworden*), ſeit Du am Markte wohnſt. Ein Freier, der weniger iſt als ein Edelmann, gefällt Dir ſchon nicht? Einer aus der Rit⸗ terſchaft, oder mindeſtens ein recht Vornehmer unter den Erbmännern?**) Da würdeſt Du Dich allenfalls noch beſinnen, he26

Ihr thut mir ſehr Unrecht, antwortete Angela be⸗ trübt.Ich bin kein hoffärtig Ding, möchte lieber eine demüthige Kloſterfrau ſeyn, als eines Landdroſten Weib.

Die Großmutter wollte ſchon begütigend einlenken, als ſich der erwartete Beſuch anmeldete, mehrere Freun⸗ dinnen der Wernecke, verheirathete Frauen, junge und aͤltere; ſodann einige Jungfern, ehemalige Schulgefäbrtin⸗ nen von Lüdger's Angela. Sie kamen, um das Weih⸗ nachtsfeſt mit einem mäßigen Schmauſe zu begehen.

Angela hatte an ihrer Großmutter Statt die Pflich⸗ ten der Hausfrau zu verſehen, und flog davon, den Tiſch zu beſchicken, nach den Speiſen zu ſehen, die ſilbernen Flaſchen zu füllen. In einem weiten Kreiſe um die in ihrem Seſſel thronende Großmutter verſammelten und ſetzten ſich die Geladenen rauſchend nieder; die Meiſten der Gaſtgeberin vertraut und geheim; die Minderzahl

*) Weil die Haͤuſer am Markte von den anſehnlichſten Leuten bewohnt waren, und im Erdgeſchoſſe offene Bogengaͤnge haben, nannte man die Bewohnerin derſelben Bogenfrauen und Bo⸗ genjungfern.

*) Erbmaͤnner, Patrizier.