Teil eines Werkes 
52. Band, Der König von Zion : romantisches Gemälde aus dem sechszehten Jahrhundert : 2. Band (1840)
Entstehung
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des Landes, war verbannt, weil die Sippſchaften ſich ge⸗ ſpalten, weil Haus für Haus ſich mißtrauiſch auf ſich ſelbſt beſchränkt hatte. Es gab wohl Gaſtereien, aber ohne Gaſtlichkeit, Verſammlungen ohne Vertrauen, Ge⸗ ſellſchaften ohne Anmuth und Zeitvertreib. Die Männer ſaßen lärmend und tobend, Krieg und Frieden verhan⸗ delnd, in Herbergen und Schenken, oder die Köpfe zuſam⸗ menſteckend bei geheimen Zuſammenkünften, oder brütend, ſchwindelnd, Aufruhr und Umſturz predigend, in ſtillen, verborgenen, halb andächtigen, halb rebelliſchen Genoſſen⸗ ſchaften. Die unruhigen, neuerungsſüchtigen Weiber ahmten ihren Männern oder ihren Vätern nach, denn auch ihnen ſchien das neue Evangelium eine Freiheit zu verheißen, wonach ſie begierig geizten. Die gelaſſenen, bedächtigen und einem frommen Wandel ergebenen Frauen zogen ſich zuruͤck, und fanden ſich nur ſelten zur Beſpre⸗ chung der traurigen Zuſtände in der Vaterſtadt bei ir⸗ gend einer Freundin ein, die mit ihnen gleiche Anſichten hegte, und in deren Gemächer aufgereizte und ungeſtüme Partheigänger keinen Zutritt hatten.

Ein Haus dieſer Art war die Herberge zur Roſe, in der Aegidienſtraße. Frau Wernecke, die Wirthin, hatte die Sorge für die Einkehrgäſte in die Hände eines rüſti⸗ gen Verwandten niedergelegt und ſich in dem Oberſtock eingerichtet: denn ſie war ſchon ziemlich alt, ſchwerfällig

und kränklich geworden.

5 In ſolcher Wittweneinſamkeit ſind die Freuden ſpär⸗ lich zugemeſſen; dennoch war Frau Wernecke heiter und zufrieden. Die Munterkeit ihrer früheren Jahre hatte nicht von ihr Abſchied genommen; ihre Zunge war gelenk, wenn ſchon die Beine nicht mehr gehorchten; ihr Sinn war gerade, feſt und ſchlicht geblieben, wie vordem. Da⸗ her hatten auch ihre Freundinnen ſie nicht verlaſſen, und der eigentliche Troſt ihrer Augen und ihres Alters, ihre Enkelin, des Malers zum Ringe hübſche Angela, kam