Teil eines Werkes 
1. Band, Der Jude : deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Theil (1838)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

28

mir, Sohn! Gib mir die Erde des Herrn, die Du trägſt auf Deiner Bruſt, daß ich in der Heimath ſterbe, und der Engel Gabriel meine Seele hole*). Ben David riß das Päckchen von der Bruſt und ſchob es unter den Kopf des Verſcheidenden, deſſen Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmüthigen Freude.Groß iſt der Herr! ſtammelte ſeine Zunge:gekannt in Juda, und ſein Name herrlich in Iſrael. Zu Salem iſt ſein Gezelt, und ſeine Wohnung zu Zion! Laßt uns ihn preiſen, den hochge⸗ lobten Gott! Hier ſtockte die Zunge des Erblaſſenden; ſeine Augen umdüſterte die in's Leben hereinbrechende Nacht; noch einmal öffnete ſich der Mund, und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze hängende Galltropfen hinein, von welchem das Angeſicht bleich wird, und die Seele entflieht**). Aber ein guter Engel, der Fürſt der Barm⸗ herzigkeit mußte hier gewaltet haben, weil freundlich das Angeſicht wurde und ſtill wie der Friede. Ben David zog dem Todten das armſelige Kiſſen weg unter dem Kopfe, ſtürzte deu Waſſerkrug um, in welchem vielleicht der Todes⸗ bote ſein Schwert abgewaſchen hatte; zerriß ſein Gewand und warf ſich nieder auf dem Boden, wo er trauerte im Schweigen, oder betete, oder jammernd im Staube ſich wälzte.

In dieſem Zuſtand fand ihn am Abend der Oberſtrichter.

*) Reichere Juden pflegten ſich aus Paläſtina Erde kommen zu laſſen, mit welcher ſie einen Polſter oder ein kleines auf der Bruſt zu tra⸗ gendes Amulet anfüllten, damit ſie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werden.

*) Nach den Angaben und Lehrſätzen mehrerer Rabbiner; vielleicht der ſchönſte poetiſche Gedanke des Talmud.