Teil eines Werkes 
1. Band, Der Jude : deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Theil (1838)
Entstehung
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nicht zurückzuſinken. Dagobert erſah dieſe plötzliche Schwäche und reichte ihm ſchnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu ſeinem Schlafgemach geleitete. Schwer athmend ließ ſich der Schöffe in den Sorgenſtuhl nieder, und erſt, nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden, als⸗ dann auf das mildfreundliche Antlitz des gegenüber ſitzenden Sohns geheftet hatte, wagte er die Anrede:Du hier, Da⸗ 3 gobert? Und Wallrade?..Mein Bemühen war ver⸗ geblich; entgegnete der Sohn bedauernd:Eben ſo leicht . hätte ich den großen Kaiſer Karl finden mögen, der ſeit 1 ſechshundert Jahren im Brunnen der Veſte zu Nürnberg ſitzen ſoll. Dafür, hab' ich vernommen habt Ihr ſelbſt gelegnere Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Her⸗ zen Glück wünſche, Herr Vater.Dir? fragte Diether 1 mit ſpöttelnd ungläubiger Miene.Weiß es der Himmel, auch mir; verſetzte Dagobert:Ich habe zwar nicht viel E Urſach, Wallraden Gutes zu wünſchen, aber mehr denn ſie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin herzlich froh, daß endlich die Stadt erfahren wird, und auch Ihr beineben, Herr Vater, daß ich Wallraden nicht hab' ſtehlen laſſen. Dieſe Worte, obgleich mit mildem Ernſt, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott geſprochen, trieben dem Alten die Röthe der Schaam auf die gefurchte Wange. Das eigne Gewiſſen iſt des Menſchen fürnehmſter Richter; ſprach er ſtockend, und Dagobert entgegnete gelaſſen:Das iſt's, Herr Diether. Mein Gewiſſen iſt jedoch heil, wie ein friſches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht geſchäftig geweſen iſt, mich anzuſchwärzen vor aller Welt. Ein biedrer Menſch weicht dem Satan nicht aus, ſondern nimmt ihn bei den Hörnern und wirft ihn aus dem Wege.