Teil eines Werkes 
1. Band, Der Jude : deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts : 3. Theil (1838)
Entstehung
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Bis hieher hatte der Altbürger durch unabläßiges ge⸗ ſchicktes Forſchen die Magd in ihren Geſtändniſſen gebracht. Es ſchien, nach ihrer Verwirrung und ihrer Angſt, die ſie oft zu Thränen zwang, noch manches Geheime an's Licht des Tages treten zu wollen, da unterbrach des Schultheißen Willkühr und der Dirne leicht verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntniſſe, und Diether fand darin nur die einzige untrügeriſche Gewißheit, daß Wallrade ſeiner ausgezeichneten Liebe nicht würdig geweſen. Zwar fand das Fräulein einen kräftigen Vertheidiger an dem Prälaten, welchen das Un⸗ glück die unabänderlich erfolgte Abſetzung und Verweiſung aus ſeinem Stifte zu Ceſena wieder zum Stammhauſe getrieben hatte, als einen Obdach ſuchenden und Pflege hei⸗ ſchenden Gaſt. Allein, ſo innig Diether auch den gelehrten Bruder geliebt hatte, ſo konnten dennoch ſeine Reden nicht mehr den Eindruck machen, wie vor längerer Zeit, denn Diether erkannte, je länger, je mehr, den Geiſt der Heuche⸗ lei, des demüthelnden Stolzes, der in dem Prälaten regierte, und der Vaterlandsliebe des Altbürgers galten die Worte des Bruders ſchon deßhalb gering, weil dieſer Letztere deutſche Sitte und Ordnung nicht aufhörte zu ſchmähen, und dagegen Wälſchlands Vorzüge zu preiſen, ob er gleich jetzo, aus ſei⸗ ner zweiten Heimath geſtoßen, unter einem deutſchen Dache ſein Haupt niederlegen mußte, an einem deutſchen Tiſche ſeinen Platz um der Liebe willen fand, aus deutſcher, ehrlich erworbner Habe ſeiner Bedürfniſſe Gewährung ſchöpfte, und von all ſeiner wälſchen Herrlichkeit nur das zweideutigſte Kleinod, Fivrilla, behalten hatte. Es fiel dem zu Argwohn und Verdacht gereizten Diether nicht ſchwer, das wahre Ver⸗ hältniß zwiſchen dem Prälaten und ſeiner Freundin zu