würden beide bekennen das, was nie geſchehen, unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein gezwungen falſches Geſtändniß?“—„Ausflüchte,“ ſchalt der Oberſtrichter:„Schon zu lange hat die Unter⸗ ſuchung gedauert, und der Rath zürnt meiner zögernden Nachſicht. Es muß zu Ende gehen, ſo oder ſo. Die Kerker liegen voll. Wir haben Eile.“—„Ei, ehrſamer Herr,“ ſprach hierauf der Predigermönch, der ſich in das Geſpräch miſchte:„Frommt denn die Eile im Blut⸗ und Königszwang? Gibt es denn Fürchterlicheres als einen Richterſtuhl, vor welchem die Sandkörner ängſtlich gezählt werden, weil das urtheil nach dem Falle einer gewiſſen Zahl derſelben gefällt werden muß?— O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen Geſchichte, die ſich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der Angeſchuldigte, Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben, und während hier durch Gottes Zulaſſen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort bereits den Armen verbrannt.“„Das ge⸗ ſchah nicht minder mit der Zulaſſung des Herrn;“ antwortete der Oberſtrichter kalt:„Jedem das Seinige, hochwürdiger Herr. Ihr ſeyd ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstiſche; laßt mich auf dem Richterſtuhle gewähren. Euch mag ein Sünder, der aus ſeiner Verſtocktheit zurückkehrt zum Heil, angenehmer ſeyn als tauſend Gerechte, die nie geſtrauchelt ſind; denn die göttliche Milde ſpricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber ſind die Diener weltlicher Macht⸗ und das Schwert iſt in unſre Hand gegeben,— nicht, daß wir damit ſpielen, ſondern daß wir es gebrauchen, und beſſer iſes, wenn zehn Unſchuldige fallen, als daß ein Schuldiger aufrecht ſtehen bleibe.“—„Gräßlicher Grundſatz“ ſeufzte
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1. Band, Der Jude : deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts : 2. Theil (1838)
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