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Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß Juſtine, ihrer Liſt und dem günſtigen Augenblicke ver⸗ trauend, vom Thurme herniederſteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geiſt bedeckt ſie indeſſen ſchützend mit ſeinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, ſich oben zu verbergen, und der oberflächlichen Nachſuchung der Soldaten zu entgehen. Pahlens wird fortgeſchleppt; der ſogenannte Zehnerwächter bleibt an ſeiner Statt im Thurme; verſchließt alles ſorgfältig, ſteigt in die Höhe, und indem ſein Laternchen immer ſchwächer durch die Fenſter des Thurmes ſtrahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unſere ſchöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indeſſen anders beſchloſſen. Die Lainez, in ihrem Verſteck beinahe verzweifelnd, ſich allein und verlaſſen ſehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entſchluß, der Franzöſin würdig. Behutſam wagte ſie ſich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor ſich, wendet halb trunken und nickend der Thüre ſeinen Rücken, und ſpielt mit dem Hunde. Der Schlüſſel des Thurmes liegt auf dem Tiſche. Auf dem Trompetergänglein an der Flateforme ſteht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten ſchwebt die Lainez durch die halb offene Zimmer⸗ thüre. Der Hund knurrt; ſein Herr gibt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, ſich umzuſehen. In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüſſel leiſe weg, entflieht ſo ſtille, als ſie kann, ergreift die Laterne, und eilte wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges ſchreckt ſie ein Geräuſch. Unterdrückte Seufzer— leiſe Klagen dringen aus dem Gange zur Glockenſtube an


