Teil eines Werkes 
3. Band, Der Jesuit : Charaktergemälde aus dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts : 2. Band (1838)
Entstehung
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zu ſeyn, und ſie ſehnte den Tag herbei, der ihr viel⸗ leicht Kunde zu geben beſtimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie ſein Vorgänger häßlich und ſtür⸗ miſch geweſen war. Juſtine badete ihre glühende Wange in dem kühl ſtrömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten ſich zerſtreut, waren am Horizonte niedergeſunken. Durch die durchbroche⸗ nen gothiſchen Geländer der Plate⸗Forme ſchimmerte das tieſe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel ſtrahlte ein feines durchſichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder ſtrichen neckend oder majeſtätiſch vor⸗ über. Der Storch klapperte fröhlich in ſeinem Neſte; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köſtliche Ausſicht hatte ſich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weiteſten Ferne von Gebirgsumriſſen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbſtes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mir luſtigen Zie⸗ geldächern, zwiſchendurch belebte Landſtraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder ſilbernelStröme, oder abgeleſene Felder und friſch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderlichet Herbſtſeidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten entzückten das Auge. Die anſehnliche Stadt, von grünen Baſtionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichſam den Korb, aus welchem man in's Weite ſah. Juſtine hatte die⸗ ſen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder geſehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuſer, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie ſuchte, ſie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer