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wurde geſtern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magiſtrat wird mir die Schonung ſeiner Kaſſa danken. Ueber dieſem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet ſich das ſchönſte Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daſelbſt wohnen; ungeſtört ſeyn, und nur die Vorſicht beobachten müſſen, ſich nicht ſehen zu laſſen, wann ſich Neugierige oder Leute, die hier oben Geſchäfte haben, auf dem Thurme einfinden.“
Juſtine, von dem albern galanten Weſen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel⸗ Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunſche wurde alſo willfahrt, das Frauenpaar in ſein Aſyl eingeführt, das in der That eine gewiſſe Eleganz darbot, und eine vielver⸗ ſprechende Fernſicht; heute freilich von Regenſchleiern ver⸗ hüllt. Pahlens, nachdem er ſich in ſeinen beſten Putz gewor⸗ fen, trug ſeinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beſchränkte Speiſekammer des Junggeſellen vermochte, und lud ſeine Gäſte ein, ſeine Gaben nicht zu verſchmähen. Die Lainez ließ ſich nicht nöthigen. Juſtine verſagte, ſetzte ſich an's Fenſter, ſah hinaus in die grauen Wolkenmaſſen, und weinte und ſeufzte, und machte Pläne.
Pahlens, nachdem er vergeblich verſucht, der Jungfer, die ſein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging ver⸗ drüßlich davon, die Stunde zu ſchlagen; ließ die Frauen allein.
„Wohin ſind wir gerathen?“ fragte Juſtine heftig:„wie ſind Sie hier bekannt geworden, Madame? Von der eines geckenhaften Menſchen S der mich


