Teil eines Werkes 
3. Band, Der Jesuit : Charaktergemälde aus dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts : 1. Band (1838)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

160

geworden, und in meinen beſten Jahren ſtand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte:Was willſt Du werden? Was anfangen? Was un⸗ ternehmen? Zu jener Zeit kam die Merſeburger Comödian⸗

tenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verſchlungen

hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Kollegium auch hin und wieder hatte Comödie ſpielen laſſen. Wenn Du Dich erinnerſt, ſo wirſt Du wiſſen, daß man mich um meines glatten Geſichts und meiner ſchwächlichen Glied⸗ maßen willen, vorzugsweiſe erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith geſpielt und die Herodias, und ſogar einmal die Lalage in dem Schäferſpiele:Der treue Hirt, womit der junge Profeſſor der Rhetorik einſt zu Augsburg ſo viel Aergerniß anrichtete. Ei! dachtegich bei mir: wenn die Väter der Geſellſchaft Jeſu das Comödienſpiel

bei ihren jungen Leuten einführten, warum ſoll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und redu⸗ eirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit lbegann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurſt, ſondern die Amanten. Ich ſtellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derſelben, in Treſſenröcken und ſorgfältiger Wäſche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!

Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet:

Doch, daß mir dieſe Pein die Sinnen nie betrübet,

Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt,

Schätzt' ich aus Uebermuth nicht eine meiner werth,

Bis ich das Wunderbild beſchauet,

Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.