Teil eines Werkes 
3. Band, Der Jesuit : Charaktergemälde aus dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts : 1. Band (1838)
Entstehung
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entweder ihre Unbekanntſchaft mit Muſſingers anderweitigen Verhältniſſen, oder einen Gelrdurſt, der Alles ſchnöde überſieht, was das Herz berührt, und nicht allein den Cours⸗ zettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geſchäft auch Blüthen, der Hausvater ſammelte keine aus ſeinem Fa⸗ milienleben. Seine Frau, ſeit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele Geldſäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die vom Berechnungsgeiſt der Väter verbundnen Ehegatten im Gemüthe zu vereinen. Un⸗ friede herrſchte gerade nicht; der Friede aber, der da verſöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein lebendiger Mann, an den Fünfzigen ſtehend⸗ choleriſchen Temperaments, dem beim geringſten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu enge wurde, ſtellte das ſchneidendſte Widerſpiel ſeiner Ehefrau dar, die mit be⸗ leidigendem Uebermuth, welcher ſeine Quelle in fehlerhafter Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie ſie ſonſt nur im höchſten Norden, oder im ſengendſten Süden vorkommen mag. Frau Jacobine, im Ueberfluſſe aufgehät⸗ ſchelt, kannte nicht Sorge, nicht Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau. Kam der Tag, ſo verlebte ſie ihn, und er mußte eben ſo prunkend einhertreten, wie ſeine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle

für jedes, auch noch ſo eingebildete Bedürfniß ſpenden, rei⸗

chen Schmaus für Lippe und Gaumen, und eine lange Plauderſitzung im Kreiſe der geſchwätzigſten Muhmen. Während deſſen ſchaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmſte Knecht, bald wie der härteſte Frohn, im Bezirk ſeines Handelsgetriebes, und gönnte ſich kaum vor ſpru⸗ delnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter Arbeit⸗ und