137
Hülfe der Menſchlichkeit, die den Armen hier zugänglich geweſen. Und dennoch hatte ſie hingereicht, die Leidenden in ſüßen Schlaf zu verſenken?
Adele fühlte ſich von den Schauern des Entſetzens über⸗ laufen, als ſie, alle Herzhaftigkeit zuſammennehmend, mit dem Schimmer ihrer Lampe die Geſichter ihrer Nachbarn beleuchtet. Sie waren blaß, eingefallen, verzerrt und ge⸗ ſpannt. Steif waren ihre Glieder geſtreckt, ihre Bruſt hob ſich nicht mehr in mühevollem Athmen, nicht mehr floß aus der Wunde das treuloſe Blut, trotz Verband und Ruhe: der ſüßeſte Schlaf, der Tröſter nach den ſchwerſten Leiden, der Schlaf des Todes hatte ſie umfangen.
Ein einziger von ihnen hing noch mit dünnem Faden am bewußtloſen Daſeyn gefeſſelt. Seine Augen waren noch nicht ſtarr, und verdrehten ſich im letzten Kampfe; ſein Mund, noch nicht zuſammengepreßt von dem letzten Druck des Todes, ſchnappte nach Luft, und ſtöhnte röchelnd ſeinen Grabgeſang.— Adele ſchrie auf, kniete neben dem Sterben⸗ den niever, ſeine dürre Lippe mit kühlem Waſſer zu erfri⸗ ſchen und erkannte mit namenloſem Schrecken in den Zügen des Unglücklichen diejenigen ihres Verwandten, die Züge von Lefebres Neffen! Der Unſelige, der vor einigen Monden mit einem Worte den Frieden ihrer Seele zu ſtören bereit war, hatte alſo Frankreich hülflos verlaſſen, in frem⸗ dem Waffendienſte ſein Heil ſuchen müſſen, um fern von dem Strande der Provence ein blutiges Ende zu finden! MWit ihm ging die letzte Möglichkeit für Adele zu Grunde, den Mörder ihres Vaters kennen zu lernen. Mitten unter dieſen mörderiſchen Scenen, hoch über den Verwüſtungen


