130
einem wahren Armenſündergeſichte.„Und Sie konnten zugeben, daß man uns ſo beſchimpft?“ zürnte die Königin ihm entgegen, der zitternd erwiederte:„Ich komme, Sie und den König zu retten. Am Gartenthore halten einige Kutſchen auf meinen Befehl. Folgen Sie mir dahin!“— „Ohne meinen Gemahl?“ fragte die Königin.—„Gehen Sie, Madame;“ verſetzte dieſer:„Sind Sie und die Kinder fern, werde ich beſonnener handeln.“
Es fielen einige Schüſſe im Schloß. Neues Geſchrei. Ferne Trommeln. Lafapette's National⸗Miliz zog langſam auf dem Schloßplatze auf. Einige Kammerdiener eilten herbei. Thierry, der des Königs, rief:„Es iſt die höchſte Zeit! Der Ausweg nach dem Garten iſt noch frei; denn die Barbaren plündern allenthalben im Schloſſe. Fort nach Trianon!“—„Nach Trianon!“ wiederholte Alles, und Chevannes betheuerte im Namen ſeiner Leute, daß er den Saal bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen werde, um den Majeſtäten den Rückzug zu ſichern. Die Königin wurde mit leidenſchaftlicher Theilnahme von ihren Damen fortgezogen; mehrere Gardes du Corps, unter ihnen Victor, begleiteten ſie freiwillig durch die Gänge. Der Zufall brachte
den Vicomte an die Seite Emiliens.„Und Sie konnten ſich in ſolche Gefahr begeben?“ ſagte er mit zärtlichem Vorwurf zu ihr. Sie ſchlug ſchnell ihr heldenmüthiges Auge zu ihm auf und erwiederte:„Dieſer Tag iſt mein glück⸗ lichſter, weil ich Sie als den Vertheidiger des Königthums wiederfinde.“—„Sie nehmen Theil an mir?“—„Die Dankbarkeit hat mich Ihnen verpflichtet.“—„Ich Unglück⸗ licher! nur die Dankbarkeit?“—„Die Treue, wenn Sie


