Teil eines Werkes 
2. Band, Der Bastard : eine deutsche Sittengeschichte aus dem Zeitalter Kaiser Rudolph des Zweiten : 1. Theil (1838) Der Knabe und der Fluch seiner Geburt
Entstehung
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durch ihr rauhes Lied einen ſchwachen Schimmer von Luſtig⸗ keit im Kreiſe verbreitet. Wie in der Tafelſtube, ſah es in dem Nebengemache aus, wo die Wöchnerin auf reichen Betten ruhre, den Säugling an der Seite, und gegen die geſchwätzi⸗ gen Freundinnen eine mühſam erzwungne Heiterkeit zu er⸗ künſteln ſich bemühte. Ein feindſeliger Geiſt ſchien über dem ganzen Hauſe zu walten; denn ſtumm und verdroſſen ſchlichen die Diener, beſtändig lebendige Bilder der Herrſchaft, um⸗ her, und in einer fernen Kammer kämpften zwei erbitterte Gegner: Tod und Leben, um die Hülle des alten Simon, der in der Vewußtloſigkeit eines hitzigen Fiebers ſchmachtend, ohnmächtig dem Ausgange des Streites entgegen athmete. Zu des Bettes Fuße ſaß der erfahrne Arzt, und berechnete aufmerkſam das Steigen und Fallen der wüthenden Krank⸗ heit. Die Pulsſchläge des Gequälten zählend, mit ſtaunen⸗ dem Ohre auf die ſeltſamen Reden horchend, die der Kranke in ſeiner verzehrenden Hitze ausſtieß, erwartete er geduldig das Ende der Kriſis, die denſelben dem Leben zurückgeben, oder in die Grube ſtürzen würde.

Philipp war auch in ſeinen Gedanken mehr an dem Sterbe⸗ lager ſeines getreuen Helfershelfers, als an dem Kindtaufs⸗ ſchmauſe, und lechzte begierig dem Glockenſchlage entgegen, der ihm erlauben würde, ohne gegen die Sitte zu verſtoßen, die Tafel aufzuheben oder ſie zum mindeſten zu verlaſſen. Da trat ein Diener vor ihn und ſprach:Verzeiht, Herr Wernher; aber draußen vor der Thüre ſteht ein junger und armer Geſell, wie ſeine abgerißnen Kleider zur Genüge be⸗ weiſen. Er iſt auf der Wanderſchaft begriffen, und ſpricht bei Euch ein, um Euch eine gute Kunde zu bringen, die ihm, Si meint, wohl einen Zehrpfennig i würde.

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