Wie mögt ihr doch ſchon jetzt des letzten Willens ge⸗
denken? fragte Simon wehmüthig, und küßte Wernhers
Hand. Ihr werdet noch lange und zufrieden leben.
Ei, das hoffe ich auch, erwiederte Wernher lachend. Ein Teſtament iſt noch kein Todesurtheil. Die Leute in unſrer lieben Stadt Ulm nennen mich einen leichtſinnigen Freiherrn: ich weiß es wohl. Darum will ich ihnen beweiſen, daß ich nicht faſelhaft genug bin, um auf Leben und Sterben zu vergeſſen. Der Magiſter Kalander wird mir heute oder morgen meinen letzten Willen, wie ich ihn denſelben auf⸗ ſetzen hieß, zur Unterſchrift vorlegen.— Mein Archimbald iſt in demſelben wacker bedacht... und du... doch horch! da brummen ſchon die Glocken vom Münſter. Rufe mir doch geſchwinde den Buben. Ich habe ihn heute noch nicht ge⸗ küßt, und pflücke mir einen hübſchen Blumenſtrauß zum Kirchwege.
Simon entfernte ſich. Der Rathsherr vollendete ſeinen Putz, liebäugelte mit ſeinem Spiegelbilde, und hielt es nicht für unmöglich, an ſeinem ſechzigſten Geburtstage ſogar noch einen freundlichen Blick von ſchönen Frauenaugen zu erobern.
Archimbald tobte zur Thüre herein. Ein unbändiger zwölfjähriger Knabe, der, von dem liebevollen Vater ver⸗ wöhnt, gerade nur ihn allein als ſeinen Obern in der Welt erkannte, und deſſen wackere Anlagen von ſeinem ſtolzen hochfahrenden Weſen und ſeiner Ausgelaſſenheit weit über⸗ ſtrahlt wurden. Dieſe Unbändigkeit war es aber, die ihm des Vaters Herz ſo völlig erorbert hatte, daß er gerne den ehelichen Sohn, der ſchon ſeit zwölf Jahren das Haus ge⸗ mieden, vergeſſen hatte, um ſeine volle Gunſt an das Kind ſeiner Liebe zu verſchwenden. Archimbald gab des Vaters


