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Bild in all ſeinen Zügen wieder. Das war des Vaters Stirne, ſein lebensluſtiges Geſicht; daſſelbe röthlich-braune Haupthaar, das in tauſend üppigen Locken um des Knaben Nacken ſpielte; daſſelbe Feuerauge mit demſelben kühnen, manchmal ſo redlichen Blicke, denſelben aufgeworfenen Mund, dieſelbe raſche und bewegliche Rede. Deßhalb lebte aber auch Wernher in dem Sohne, und umfaßte ihn mit weit innigerer Liebe, als Archimbald den Vater, deſſen unbegrenzte Zärt⸗ lichkeit der Knabe für Schuldigkeit hinnahm.
Es iſt heute dein Geburtstag, lieber Vater Wernher? fragte der kleine Wildfang, und warf ſich dem Rathsherrn um den Hals. Simon hat mich ſo eben daran erinnert. Der Schalksnarr hätte wohl früher davon plaudern können. Der Magiſter hat mir einen ſchönen lateiniſchen Vers auf⸗ geſchrieben; ich ſollte ihn abſchreiben und dir bringen. Doch jetzt iſt die Zeit zu kurz, und ich weiß nicht mehr, wo ich den Zettel hingebracht. Darum mußt du ſchon mit einem Kuß vorlieb nehmen.
Glaubſt du nicht, daß dein Kuß mir lieber iſt, als des Magiſters Vers? fragte der Rathsherr, den blühenden Buben in ſeine Arme nehmend, der ihm Halskrauſe und Kette in Unordnung brachte, während der Vater mit ihm im Gemache auf und nieder tanzte.
Da ſchlugen die Glocken zum zweiten Male zuſammen. Simon brachte den verlangten Strauß, und Wernher machte ſich bereit zum Kirchgange.
Wartet nicht auf mich mit dem Imbiß, ſprach er noch zu Simon. Ich bin zu Gaſte geladen bei dem Syndicus, der mein Geburtsfeſt begehen will. Simon, gib mir doch die Muskatnuß mit dem dazu gehörigen kleinen Reibeiſen...


