Teil eines Werkes 
2. Band, Der Bastard : eine deutsche Sittengeschichte aus dem Zeitalter Kaiser Rudolph des Zweiten : 1. Theil (1838) Der Knabe und der Fluch seiner Geburt
Entstehung
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Erſtes Bapyitel.

Zwiſchen Lipp' und Kelchesrand Schwebt des Schickſals finſtre Hand.

Der Rathsherr Wernher ſtand vor dem venetianiſchen Spiegelglaſe, knüpfte die zierlichen Quäſtlein an der feinen Haarkrauſe zuſammen, und blinzelte, in ſeinem Gott ver⸗ gnügt ſeitwärts zum Fenſter hinaus, in den hellen Sonn⸗ tagsmorgen; ſtrich ſich dann behaglich den ſaubergeſchornen Knebelbart, und lächelte noch behaglicher. Sollte man es denken, ſprach er endlich für ſich und ſtemmte die Arme in die Seite, ſollte man denken, daß ich heute vor ſechszig Jahren aus dem Ey geſchlüpft ſey? Sehe ich nicht ſo friſch und blühend aus, als wäre ich um zwanzig Jahre jünger? Steht nicht mein apfelgrünes Seidenwamms mit den hoch⸗ gelben Schlitzen und den reichbebänderten und beſchleiften Unterkleidern ſtattlich und groß zu meinem geſegneten Körper⸗ umfang? Sind die prächtigen karmeſinrothen Strümpfe nicht über Waden gezogen, nach denen manch junger Gugel⸗ hans mit neidiſchen Blicken ſchielt? Nichts geht über ein lebendiges raſches Alter, und der blaue Sonntagsmorgen da draußen feiert recht fröhlich meinen Geburtstag, der, ſo Gott will, noch oft wiederkehren wird.