190 jeden Fall bereit zu ſeyn, traf ich wenigſtens alle An⸗ ſtalten, ſicher und geſchwind aus dem Harem entfliehen zu können. Korradin hatte auf mein Verlangen auf der hohen Mauer des Gartens ein Gebäude errichten laſſen, von welchem ich die ganze Stadt überſehen konnte. Die Fenſter deſſelben waren eng vergittert, ich weilte oft ſtundenlang dort, um eines derſelben nach und nach zu löſen; es gelang wider Erwarten, und ich konnte es nach Belieben herausheben. Ich verfertigte in den Mitternachtsſtunden aus Leinenzeng, Kleidern und Seide eine Strickleiter und dies Stla⸗
venwamms, welches ich jetzt trage; ich verbarg alles
in einem Gemache, das ich mir ſelbſt zur Kapelle ge⸗ weiht hatte, und welchem ſich kein Bewohner des Ha⸗ rems nahen durfte. Ich ließ mich oſt in den Gaſſen umher und durch die Thore tragen, damit ich des
Wegs nach ſolchen kundig würde. Als ich einſt aus
dieſer Abſicht den Vorhang meines Tragzeltes lüftete,
erblickte euch mein Auge, es hoffte, euch mit dem erſten
Blicke erkannt zu haben; da aber die Träger allzu
geſchwind gingen, ich nicht rückwärts blicken konnte,
ſo wars doch möglich, daß mein Auge mich betrogen und mein Herz mit leerer Hoffnung getäuſcht hätte.
Ich befahl, als ich heimkehrte, daß man mir ſogleich
die Zahl der gefangnen Chriſten anzeigen, mir ihre
Namen und Wohnörter nennen ſollte. Der Dollmet⸗
ſcher erſchien am andern Tage, quälte mich mit tau⸗
ſend unbekannten Namen, und überzeugte mich endlich, daß ich Unglückliche wohl eure Geſtalt, eure Geſichts⸗ züge meinem Gedächtniſſe eingeprägt, aber in Sicilien nie gefragt hatte: wie mein größter Wohlthäter ſich nenne? Ich prüfte nun ſelbſt das Verzeichniß, und ſand in demſelben zwei Ritter, welche der Sultan hie⸗ her geſandt, hoch zu ehren und von meiner Tafel zu


