Teil eines Werkes 
2. Band (1844)
Entstehung
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Hirten, der am Abende ſeine anvertraute Heerde zählt, überblickte er jetzt die ganze Schaar. Sein ernſter Blick ruhte auf jedem einzeln, und nahm mit Mißfallen wahr, daß vieler Augen ihn nicht ertragen konnten und be⸗ ſchämt zur Erde ſanken. Nach langem Stillſchweigen begann er alſo: Der Segen des Herrn ſey mit allen, die auf ſeinen Wegen wandeln! Der Segen des Herrn ſey mit euch, wenn ihr treu ihm dienet und reine Herzen ihm opfert! Er ging nun mitten durch der Mönche Schaar nach der offnen Pforte, welche ein Theil ſeiner Reiſigen ſogleich beſetzte und bewachte. Willſt du, ſprach der nacheilende Abt zum Biſchofe, unſere Kirche beſuchen und die heiligen Gefäſſe ſchauen, ſo ſind hier die Schlüſſel, welche ich dir als unſerm Oberhirten in Demuth und Gehorſam überreiche. Ohne zu antworten, nahm ſolche der Biſchof an, und ſtieg hinauf zu den Zellen der Mönche, die er alle nach der Reihe öffnen ließ und forſchend unterſuchte. Er fand nirgends etwas, was ihm Stoff zum Verdachte geben, was ſeinen Argwohn vermehren konnte, nur hie und da weilte ſein Blick unwillig auf dem Bilde der hei⸗ ligen Magdalena, das oſt am Betaltar der Mönche ſeine Sünden in allzu wollüſtiger Stellung beweinte. Wie er hier nichts entdeckte, ſtieg er zu den untern Gemächern, und ſogar zur großen Verwunderung des Abts in die Keller hinab, wo er Wein in Menge, aber kein menſchliches Weſen fand. Seinem ſuchen⸗ den Auge ſielen verſchiedne Spalten in der Mauer auf, die nicht von ungefähr entſtanden zu ſeyn, viel⸗ mehr die Einfaſſung einer verborgenen Thüre zu bil⸗ den ſchienen Um ſich von der Wahrheit ſeines Ver⸗ dachtes zu überzeugen, gebot er den Mönchen Entfer⸗ nung, blieb allein mit ſeinen Reiſigen zurück, und rief nun mit lauter Stimme: Wenn Unſchüld hier im Ker⸗

ker ſchmachtet, ſo verkündige ſie dreiſt den Ort ihres