6—
meine Lehren benüzt? Jeder Vater, ieder Erzie⸗
her, welcher dieſe groſſe Regel nicht beobachtet, alle Verbrechen ſeines Kindes mit Strenge ſtraft, und ihm kein Mittel uͤbrig laßt, wodurch es der verdienten Strafe entgehen kann, macht ſein Kind zum Heuchler, verleitet es zu neuen, gröſſern Fehliritten, die es blos deswegen begeht, um den kleinern verbergen, und der ſichern Strafe entge⸗ hen zu konnen. Der Dieb und Moͤrder wuͤrde vielleicht nicht geſtohlen, nicht gemordet haben, wenn ſein ſtrenger Vater ihn nicht in dem Wahne beſtaͤrkt hätte, daß nur bekanntes Verbrechen ge⸗ ſtraft werde, verborgnes, verheeltes keine Strafe nach ſich ziehe. Folgende, aus aͤchten Kriminal⸗ akten geſammelte Geſchichte wird dieſe Wahrheit aufs neue beſtaͤtigen:
Johann Gottfried S— dt war der Sohn eines Seifenſteders zu 2— in B—. Er ver⸗ rieth in ſeiner fruͤhen Jugend viele Talente, und der Bruder ſeiner Mutter, welcher Pfarrer eines benachbarten Dorfes war, nahm ihn zu ſich, um ihn in den Anfangsgruͤnden der lateiniſchen Spra⸗ che zu nnterrichten, und zu den gewoͤhnlichen Studien vorzubereiten. Seine Bemuͤhung glůͤkte, der iunge S— ſtudierte in der Folge mit vielem Eifer und groſſem Beifalle die Humaniora, und wollte eben nach der Univerſitaͤt gehen, als Kai⸗ ſer Karl der ſechſte ſtarb. Die Anſpruͤche, wel⸗ che verſchiedene europaiſche Monarchen auf den
Beſiz ſeiner Staaten machten, zwangen ſeine ein⸗


