Teil eines Werkes 
Zweites Bändchen (1802)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Suſanne ſank in Ohnmacht, wie ihr dies urtheil verkuͤndigt wurde, und jammerte kläglich, als ſie die Streiche dulden mußte. Nicht der Schmerz, denn ſie wurde menſchlich gezuͤchtigt, ſondern Schaam und Schande preßten ihr dieſe wehmuͤthigen Klagen aus. Noch ſtaͤrker ver⸗ mehrten ſich dieſe, und wurden zur unertraͤgli⸗ chen Pein, als ſie am folgenden Tage in der Mitte mehrerer Verbrecher ihre Strafbarkeit be⸗ ginnen mußte. Der Ruf, daß heute zum erſten Male die ſchoͤne Fremde oͤffentlich arbeiten wuͤrde, hatte ſich in der kleinen Stadt verbreitet, viele Neugierige ſammelten ſich am Ausgange de Gefaͤngniſſes; ſie hatte ihr vor Scham gluͤhen⸗ des Geſichte mit einem Tuche verhuͤllt, loſe Buben, die ihr Leiden nicht fuͤhlten und kannten, ſchlichen herbei, und riſſen es ihr vom Haupte.

Angegaft und angeſtaunt, bemitleidet, aber auch verſpottet vom unempfindlichen Poͤbel ſtand ſie jezt zagend und zitternd da, ſollte arbeiten, und vermochte es nicht, ſank endlich zu Boden, und ward nach ihrem Leidensgemache ruͤkgetragen. Mein Herz iſt zerriſſen! mein Herz iſt tief ver⸗ wundet! rief ſie anhaltend aus, als ſie wieder erwachte. Wer den Sinn dieſes ſo einfachen Ausdrukes ganz zu fuͤhlen faͤhig iſt, wird ver⸗ mögend ſeyn, ſich den gräßlichen Zuſtand der Leidenden denken zu koͤnnen; ich vermag ihn nicht zu ſchildern. Roch ſechs Tage lang arbei⸗