Druckschrift 
Die schönen Amerikanerinnen : Novelle / von Friedrich Spielhagen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

192

Lippen gepreßt, ſtand der Sanitätsrath, die wunderbare Mär von dem Betrug, den man ihm geſpielt, mit durſtigen Ohren einſaugend. An dem Tiſche ſelbſt auf der anderen Seite ſaß Herr Willibald Scherzer, der mit einem Bleiſtift ſehr eifrig in ſeinem Taſchenbuche Zahlen ſchrieb möglicherweiſe diejenigen, welche die Summe, um die ihn derGaſtfreund betrogen, aus⸗ drückten und nur von Zeit zu Zeit ſeine funkelnden Brillen⸗ gläſer auf Mrs. Cunnigsby⸗Jones⸗König wandte, die jetzt, die amerikaniſche Lady gänzlich aufgebend, im reinſten Dresdener

Dialect erzählte, wie ſie unter dem Vorwande, die Vermißten

aufzuſuchen, Tannenburg hätten verlaſſen wollen, um nicht wieder zurückzukehren; wie ſie nichts beſäße, als das ſchwarzſeidene Kleid, das ſie trage(die dicke Uhrkette ſei unecht), und wie ihre Töchter ihre paarFahnen immer wieder auseinander⸗ getrennt und wieder zuſammengenäht hätten, daß esach was ausſehe. In den großen ſchwarzen Koffern ſei nichts als

Stroh und Steine, Stroh und Steine, murmelte Herr Scherzer, der ſich wieder über ſeine Zahlen beugte.

Nu eben! ſagte die arme Frau; aber ich bin ja nicht ſchuld daran, und meine armen Kinder ſind nicht ſchuld daran! Ach herrcheſes! meine armen Kinder!

Meine Blicke richteten ſich auf die beiden andern Gruppen im Zimmer, von denen die eine, in der Nähe des Fenſters, mich innig rührte. Es waren Ellen und Egbert. Das ſchöne Mädchen ſaß da, bleich, mit verweinten Augen, die in dieſem Momente mit einem rührenden Ausdrucke der Liebe und Dank⸗ barkeit zu dem Geliebten erhoben waren, der, eine ihrer Hände in der ſeinen haltend, über ſie gebengt ſtand und mit jener Beredtſamkeit, die nur die Liebe lehren kann, eifrig und leiſe zu ihr ſprach. Die zweite Gruppe befand ſich in der Tiefe des andern Fenſters, zum Theil von dem Vorhange bedeckt, ſo daß ich von der Dame nur den Saum des Kleides und von dem Herrn nur die carrirten Beinchen ſehen konnte und einen carrirten Arm, der fortwährend eine Bewegung von einer Stelle, wo unter der unſichtbaren carrirten Weſte zweifellos ein