456
Eisumſchläge keine Minute zu ſpät; ſie vergalt auch ſeine Schweigſamkeit nicht mit Schweigen, hatte im Gegentheil immer ein freundliches Wort, wie es nun eben der Dienſt, den ſie gerade leiſtete, mit ſich brachte, und nur die Frage, die ſie oft genug an die armen Soldaten richtete: ob ſie Angehörige zu Hauſe hätten, denen ſie Nachricht zu geben wünſchten? ob ſie einen Brief für ſie ſchreiben ſolle? dieſe und ähnliche Fragen hatte ſie nie an ihn gethan.
Es war das freilich auch nicht nöthig geweſen und ſie hatte durch dieſe Unterlaſſung keine Pflicht der Krankenwärterin verſäumt.
War doch kein Tag vergangen, ohne daß von dem Höchſt⸗ commandirenden Anfrage geſchah, wie Seine Durchlaucht die Nacht zugebracht? wie Durchlaucht ſich heute befände? Hatte der Höchſtcommandirende doch, trotz der Arbeit, die in dieſen Tagen auf ſeinen Schultern lag, zwei⸗ oder dreimal Zeit ge⸗ funden, ſich perſönlich nach dem Freunde umzuſehen und eine Viertelſtunde an ſeinem Bette zu ſitzen; kamen doch jeden Tag Cameraden, ihre Dienſte anzubieten; ſtand doch im Nothfalle ſelbſt der Telegraph für Seine Durchlaucht zur Verfügung, und hatte wirklich bereits am erſten Tage die Kunde von ſeiner Verwundung und was ſonſt für die Seinen zu wiſſen noth⸗ wendig oder wünſchenswerth war, in das Kriegsminiſterium nach Berlin und von dort nach Roda getragen.
Nein, für Seine Durchlaucht den Fürſten Heinrich Roda⸗ Steinburg ſchien nach allen Seiten geſorgt; er mochte der be⸗ ſonderen Hilfe, des tröſtenden Zuſpruchs einer einfachen Kran⸗ kenwärterin wohl entbehren; und dennoch fühlte ſich vielleicht von allen dieſen Unglücklichen, deren Seufzer bei Tag und Nacht den Raum erfüllten, keiner ſo hilflos, keiner ſo troſtlos als dieſer Mann, über deſſen ſtolze Lippen nie eine Klage kam; war vielleicht das Lager keines dieſer Aermſten ſo dornenvoll als ſein Lager; wünſchte keiner ſich ſo ehrlich den Tod, der ihn von einem Leben erlöſen ſollte, das fürder keinen Reiz und keinen Werth mehr zu haben ſchien.


