433
ja im beſten Falle ſo wenig, was er jetzt noch bieten konnte: ein guter Rath vielleicht, ein tröſtliches Wort— ein Nichts; und doch meinte er, nicht ſtarken Herzens in den Krieg ziehen zu können, wenn er nicht dem alten Manne, den er ſo liebte, dieſes Nichts dargebracht zu ſeinem Geburtstage! Großer Gott!
Hermann ſchaute zu den Sternen auf, die jetzt zahlreicher und heller aus dem nächtlichen Himmel zu funkeln begannen; er horchte auf das Raunen und Rauſchen des Windes in den Büſchen und Bäumen.
Die Nacht war ſo ſchön— wie die vor vier Wochen, als die Geſellſchaft hier den Thee einnahm. Vier Wochen! Es konnte ebenſowohl vier Jahre her ſein; und doch war es wie⸗ der, als wäre es geſtern geweſen; gleichviel— er hatte an jenem Abend die Vorahnung dieſer Stunde gehabt.
Hermann ſtieg die Treppe langſam hinauf und trat in die Rotunde. In dem Dämmerlicht der Kerzen, die Prachatitz an einem der Wandleuchter entzündet, blickten die mit Gaze ver⸗ hüllten Spiegel, Vaſen und Statuen geiſterhaft herab, und die eingeſchloſſene Luft ließ ihn an ein Grabgewölbe denken. Und wandelte er doch hier an dieſer Stelle über den Gräbern jener glückſeligen Tage— der einzigen, die ihm das Leben gebracht und die nun unwiederbringlich dahin waren.
Ein leichter Schritt kniſterte auf dem Sande des Vorplatzes und kam die Treppe herauf.
Hedwig, ſchrie er, beide Hände ausſtreckend, Hedwig!
Sie hatte ſeine Hände ergriffen, ſie neigte ſich zu ihm; einen Augenblick ſchien es, als wolle ſie ſich an ſeine Bruſt werfen, dann aber richtete ſie ſich wieder auf.
Wie kommen Sie hieher?
Haben Sie meinen Brief nicht erhalten?
Welchen Brief?
Wenige Worte genügten, Hedwig mitzutheilen, was ihn hie⸗
her geführt; wie der fanatiſche gewiſſenloſe Elſäſſer, nachdem ſein großes Ziel erreicht und der Krieg gewiß, die Verſchwörung der Behörde verrathen habe, um, wie er Hermann ſelbſt geſagt, von Anfang an Verwirrung in den Regierungskreiſen zu er⸗
Fr. Spielhagen's Werke. XI. 28


