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Und der Kanzleirath verließ ganz zerknirſcht den Schloßhof und machte ſich auf den Weg nach ſeinem Hauſe, das, ein paar tauſend Schritte vom Schloſſe entfernt und ebenſo viele hundert Schritt von dem Städtchen Rothebühl, an der prachtvollen Chauſſee, welche vom Schloß zum Städtchen hinablief, aus Baum und Buſch freundlich zu ihm heraufgrüßte.
Der Fürſt war, nachdem der Kanzleirath ihn verlaſſen, auf derſelben Stelle ſtehen geblieben, in tiefes Sinnen verloren. Das halb gütige, halb ironiſche Lächeln, welches während der Con⸗ ferenzen mit den Beamten ſeine Lippen zu umſpielen pflegte, hatte einem Ausdruck tiefer Bekümmerniß Platz gemacht.
Es fällt eben Alles von mir ab, murmelte er. Dieſer Iff⸗ ler, der ſein Leben damit hingebracht hat, aus den Urkunden zu be⸗ weiſen, daß wir ſo gut ſouverän ſind, wie irgend ein Haus in Deutſchland: der dem Grafen ſeine Demüthigung vor dieſen über⸗ müthigen Hohenzollern nicht vergeben zu können behauptet— wie zahm iſt er jetzt! Wie macht er ſich bereit, mit klingendem Spiel in das feindliche Lager überzugehen! Ich kann mich 6 Niemand mehr verlaſſen, am wenigſten auf mich ſelbſt— das iſt das Bitterſte.
Aus der großen, vom Flüßchen Roda durchſtrömten Park⸗ wieſe unten, auf welche jetzt zwiſchen den Bäumen hervor die Hirſche erſt einzeln, dann rudelweiſe heraustraten, wehte es kühl herauf. Der Fürſt war im Begriff, ſeinem Kammerdiener zu klingeln und ſich einen Ueberrock bringen zu laſſen, aber er zog den Finger, der bereits auf der Glocke lag, zurück. Sie konnte jeden Augenblick kommen, ſie ſollte ihn in dem leichten Sommer⸗ anzuge finden; er durfte jetzt, gerade jetzt nicht unnöthigerweiſe den alten Herrn ſpielen. Freilich konnte er auch in ſein Arbeits⸗ cabinet treten, deſſen Thür nach der Terraſſe offen ſtand, aber der Sonnenuntergang war ſo ſchön mit den goldenen, langge⸗ zogenen Wolkenſtreifen durch den mattgrünen Himmel und den in roſigem Duft verſchwimmenden Bergreihen. Sie liebte die⸗ ſes Schauſpiel ſo; ſie hatten daſſelbe ſo oft von dieſer Stelle aus gemeinſam bewundert und jede kleinſte Wandelung beobach⸗ tet, als ſie vor drei Jahren die erſten ſchönen Frühlingstage hier verlebten.
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