Dritter Band. 145
leicht noch liebte, und dabei wußte er auch mit unumſtößlicher Ge⸗ wißheit, daß er und ſie durch Alles, was geſchehen war, auf immer unwiederbringlich von einander geſchieden ſeien. Es war deßhalb keine Bitterkeit, ſondern nur tiefe Trauer in dem Ton, in welchem er jetzt die Augen unverwandt auf das himmliſch ſchöne Antlitz des Mädchens gerichtet, ſagte:
„Laſſen Sie uns einander nicht mit heftigen, liebloſen Worten betrüben. Wer weiß, ob wir im Leben noch viele Worte mit ein⸗ ander zu wechſeln haben werden! Mir iſt zu Muthe, wie einem Sterbenden, und was ich ſpreche, ſpreche ich nicht für mich, der ich keine Wünſche mehr hege, ſondern aus innerſtem Drang nach der Wahrheit, von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt habe. Helene, ich habe Sie geliebt von dem Augenblick, als ich Sie zum erſten Male an jenem unvergeßlichen Sommerabend im Park von Grenwitz ſah; und ich weiß es auch: wenn ich mir ſelber treu geblieben wäre, Sie würden mich wieder geliebt haben; Sie würden einſt die Meine geworden ſein. Aber, weil ich mich ſelbſt verlaſſen, haben auch Sie ſich von mir gewandt und jetzt liegt zwiſchen uns eine Kluft, die niemals ausgefüllt werden kann. Und was uns einander auf immer nahe zu bringen ſchien,— die Ent⸗ deckung, die ich heute Morgen machte— hat uns erſt recht auf ewig getrennt. Ich fühle es wohl: Sie werden nun und nimmermehr ein Geſchenk, wie Sie es nennen, von mir annehmen wollen, und ich wollte eher meine Hand auf glühende Kohlen legen, als ſie nach dem Erbe des Mannes ausſtrecken, der meine Mutter zur unglücklichſten aller Frauen gemacht hat. Dazwiſchen giebt es keinen Vergleich, wäre auch alles Andere, wie es ſein ſollte. Und nun, Helene, ehe wir— wohl auf immer— ſcheiden, habe ich eine Bitte, reichen Sie mir über die Kluft weg, die uns trennt, die Hand, zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben.“
Helene legte ihre Hand in die ausgeſtreckte Hand Oswald's. So ſtanden ſie und ſahen ſich einander tief in die Augen, und wie ſie ſo hineinſchauten, ſahen ſie alle, die goldigen Sommermorgen⸗ ſtunden, die ſie im Park von Grenwitz unter ſäuſelnden Bäumen ver⸗
lebt und alle die purpurnen Abende, wo ſie durch den grünen Buchen⸗ Fr. Spielhagen's Werke. XII. 10


