Dritter Band. 141
„Ich verſtehe Dich nicht, Mutter,“ ſagte Helene.
„Ach, es iſt auch kaum zu begreifen,“ klagte Anna Marie,„ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht. Ich bin eine unglück⸗ liche Frau!“
Und die Baronin warf ſich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an bitterlich zu weinen.
Helene hatte die Mutter noch nie weinen geſehen. Der unge⸗ wohnte Anblick rührte ſie tief. Sie kniete neben ihr nieder und ſuchte ſie mit ſchmeichelnden, freundlichen Worten zu tröſten. Aber es war
vergeblich.
„Es iſt nicht nur dies, obſchon es ſchon ſchlimm genug iſt,“ ſchluchzte Anna Marie,„auch wir ſind mit einer ähnlichen Schmach bedroht—“ urnd in dem Drang des Moments, getrieben von dem Verlangen aller Hilfloſen, ſich, koſte es was es wolle, an einen An⸗ deren anzuſchließen, erzählte ſie in fliegenden Worten von den An⸗ ſprüchen, die Oswald möglicherweiſe auf ihr Vermögen habe, und daß, wenn dieſe Anſprüche gerichtlich anerkannt würden, ſie, die Mutter und die Tochter, Bettlerinnen ſeien.
Helene hatte dieſer Erzählung in athemloſer Spannung zugehört. Ihre Farbe wechſelte in jedem Augenblick; ihre Augen waren feſt auf die Mutter geheftet, ihre Hände hielten die Hände der Mutter krampfhaft umfaßt.
„Bettlerinnen, ſagſt Du? beſſer das, und ein reines Gewiſſen haben, als in der Fülle dieſes Glanzes vor Angſt vergehen! Komm, Mutter, ich fürchte mich nicht vor der Armuth! Du haſt mir oft ge⸗ ſagt, daß Du arm geweſen biſt, ehe Du den Vater heiratheteſt. Warum ſoll ich etwas vor Dir voraushaben? ich ſehe nicht, daß Dich der Reichthum glücklich gemacht hat, auch den Vater nicht; er hat es mir in ſeinen letzten Augenblicken geſtanden. Ich habe es noch eben mit meinen eigenen Augen geſehen, wie viel glücklicher als wir, die Menſchen ſind, die nichts haben, als ihre Liebe; auf nichts vertrauen, als auf ihre eigene Kraft. Ich habe Kraft; ich kann und will für Dich arbeiten, wenn es nöthig ſein ſollte. Aber jetzt laß uns fort von hier. Du biſt krank und angegriffen, Deine Hände ſind eiskalt und Deine Stirn brennt— bleib hier ſitzen. Ich will Deine Sachen


